Berlin : Es geht fast ohne den Pfarrer

In Alt-Tempelhof leiteten Ehrenamtliche den Gottesdienst

Benjamin Lassiwe

Ferienzeit und Ausflugswetter machen sich auch in der evangelischen Kirche bemerkbar. „Es ist schön, dass Sie trotz der Hitze den Weg hierher gefunden haben“, begrüßt Ursula Hake-Gutsch die gut zwei Dutzend Menschen, die sich in der weiß getünchten Feldsteinkirche versammelt haben. Darunter ist auch ihr Ehemann, Pfarrer Harry Hake. Doch der sitzt heute dort, wo sie sonst sitzt: in der Kirchenbank, erste Reihe. Denn heute leitet Ursula Hake-Gutsch zusammen mit der pensionierten Beamtin Helga Marx den Gottesdienst.

Die beiden Frauen sind Lektorinnen: von der Kirche beauftragte Ehrenamtliche, die in ihrer Freizeit eine Ausbildung absolviert haben, um Gottesdienste auch ohne Pfarrer feiern zu dürfen. Da habe sie gelernt, welche Lieder zu welcher Bibelstelle passen und wie man eine Predigt hält, sagt Ursula Hake-Gutsch. Schließlich habe ja Martin Luther das „Priestertum aller Gläubigen“ gefordert. Bereits seit mehreren Jahren wenden die Tempelhoferinnen das Erlernte regelmäßig an: Routiniert kündigt Ursula Hake-Gutsch die Lieder an, betet mit der Gemeinde und liest das Evangelium.

Ohne erkennbares Lampenfieber besteigt auch Helga Marx die Kanzel der Dorfkirche, die einst der Sagen umwobene Templerorden erbaut hat. Sie predigt über den Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Philippi. Der Apostel fordert die frühen Christen zur Einheit, Liebe und Demut auf. Den Menschen von heute sei das zur Nachahmung empfohlen, sagt Helga Marx, vor allem die Demut, ein „dienender Mut“. Man solle nicht wegschauen, sondern aufrecht auf den anderen blicken, und sehen, wo man ihm helfen kann.

Alles dürfen die beiden Lektorinnen dann doch nicht alleine machen. Für das Abendmahl ist eine Zusatzausbildung nötig, die ihnen noch fehlt. Deswegen tritt nun Pfarrer Hake vor den Altar und teilt Brot und Wein aus. Mit den Klängen des jahrhundertealten kirchlichen Sommerhits im Ohr „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ schwärmen die Tempelhofer kurz danach in den Berliner Jahrhundertsommer hinaus.

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