Berlin : „Es ist nicht mehr auszuhalten“

Ukrainer in Berlin haben Angst, dass die Situation daheim eskaliert und organisieren Demonstrationen

Sandra Dassler,Claudia Keller

Sie machen sich große Sorgen und verfolgen im Radio und im Fernsehen, was in Kiew passiert. Rund 130000 Ukrainer leben in Deutschland, etwa 20000 in Berlin und Brandenburg. Viele von ihnen sind Studenten und haben Angst, dass die Lage in ihrer Heimat nach der Stichwahl am vergangenen Sonntag eskaliert. „Ich telefoniere täglich mit meiner Mutter“, sagt der Literatur-Student Oleh Kotsyuba, „und was sie sagt, ist nicht mehr auszuhalten“. Das Fernsehen und die Zeitungen in der Ukraine würden nur einseitig über die Demonstrationen berichten und Wahlfälschungen verschweigen.

Viele Ukrainer hätten außerdem große Angst, dass die Russen einmarschieren, wenn es zu einem Streik kommt. Gleichzeitig seien viele so frustriert, dass bei einem Sieg von Premier Viktor Janukowitsch die überfälligen Reformen im Land nicht durchgeführt werden. Selbst seine 50-jährige Mutter demonstriere nun.

Oleh Kotsyuba ist wie Oksana Dramkewycz im Bund ukrainischer Studenten in Deutschland organisiert. Oksana Dramkewycz lebt seit vier Jahren in Berlin und studiert an der FU. Sie hat am Mittwoch eine Demonstration ukrainischer Studenten auf die Beine gestellt. „Mit der Aktion wollten wir unsere Solidarität mit der ukrainischen Opposition und Oppositionsführer Viktor Juschtschenko zum Ausdruck bringen“, sagt die 27-Jährige: „Ich kenne keinen Kommilitonen, der nicht für Juschtschenko wäre – er verkörpert unsere Hoffnung auf eine bessere, demokratische Zukunft“. Mit Transparenten, auf denen „Freiheit für die Ukraine“ stand oder „Hände weg von der Ukraine“ zogen rund 200 Studenten von der Humboldt-Universität zur Russischen Botschaft und zum Bundestag. „Wir wehren uns gegen die Einmischung Russlands in die ukrainische Politik und fordern, dass das oberste Gericht in Kiew die Wahl nicht anerkennt“, sagt Kotsyuba.

Die Berliner Landespartei der Grünen unterstützte die Demonstration, die Grünen im Bundestag brachten gestern Apfelsinen zur Parlamentsdebatte mit, um mit der Farbe Orange ihre Solidarität mit der ukrainischen Opposition zu demonstrieren.

Unmittelbar nach der Berliner Demonstration fuhren die Studenten nach Brüssel. Dort fand gestern eine große Protestkundgebung mit Teilnehmern aus ganz Europa statt. „Mit uns fuhren nicht nur Studenten aus Berlin, sondern auch aus Magdeburg, Hannover und von der Viadrina in Frankfurt an der Oder“ erzählt Oksana Dramkewycz. In Brüssel seien Tausende Ukrainer zusammengekommen und forderten von der Europäischen Union, mehr Druck auf die ukrainische Führung auszuüben.

Am Wochenende, sagt Oksana, will man auch in Berlin wieder demonstrieren: „Das hängt natürlich von den Ereignissen in der Ukraine ab – wir sind spontan.“ In jedem Fall aber werde es sich um friedliche Aktionen handeln.

Der 30-jährige Dima Stratievski studiert in Potsdam Politik und Geschichte und hat sich in den vergangenen Tagen per E-mail mit Freunden und Verwandten in seiner Heimatstadt Odessa und in Kiew ausgetauscht. Er hat für Premier Viktor Janukowitsch gestimmt, für ihn „das kleinere Übel“. Er glaubt, dass es auf beiden Seiten Wahlfälschungen gegeben habe, denn es fehle die politische Kultur. Eigentlich müsste es Neuwahlen geben, sagt er, aber in der zugespitzten Situation ist das wohl unmöglich. Nun müsse man eine Spaltung des Landes verhindern und die in die Regierung einbeziehen – zum Beispiel, indem man das Präsidentenamt entmachte. „Es ist schlimm, dass es so weit gekommen ist“, sagt Marina Schubarth vom Verein Kontakte-Kontaky, die Spenden für ehemalige NS-Opfer in der Ukraine sammeln. Die gebürtige Kiewerin telefoniert täglich mit Freunden in der Ukraine. „Vor allem die Älteren haben Angst vor einem Generalstreik und dass die Situation dann schnell eskalieren könnte.“ Auch gebe es Gerüchte, dass russische Soldaten bereits im Land sind – in Zivilkleidung, aber bereit einzuschreiten. Womöglich werfen die Soldaten in Zivil Molotowcocktails und führen eine Eskalation erst herbei, fürchtet eine andere Ukrainerin in Berlin.

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