Berlin : Es ist Schund, Baby

Als ernst gemeintes Musical floppte das Stück von Ex-Schlagerkönig Christian Anders. Jetzt ist „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo…“ als total überzogenes Trashical zurück auf der Bühne – und wird begeistert gefeiert

Matthias Oloew

Bei der zweiten Zugabe – es ist mittlerweile kurz nach halb zwei Uhr früh –, wird das erste Mal live gesungen. Christian Anders greift zur Gitarre und will seinen Hit „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ intonieren. Bevor er loslegt, soll aber das Publikum singen. „Erst mal nur die Frauen“, sagt Anders, doch auf seine Aufforderungen dringen nur ein paar dünne Stimmen bis auf die Studiobühne des Admiralspalasts. „Ich habe vergessen“, sagt er trocken, „dass heute kaum Frauen im Saal sind“. Die Mehrheit der Zuschauer sind Männer, und deren Chor ist dann auch erstaunlich vielstimmig. Anders ist zufrieden und legt los: „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo...“

Das ist auch der Titel des Trashicals in der Regie von Comedy-Star Thomas Hermanns, dessen Premiere er zusammen mit vielen Gästen im ausverkauften Haus in der Nacht zu Sonntag feierte. Eine Uraufführung ist es allerdings nicht, denn Hermanns hat seine Voll-Playback-Parodie schon 1986 aufgeführt. Damals, so ist anzunehmen, wesentlich unprofessioneller als heute, dafür aber mit ihm in der Hauptrolle. Diesmal führt er nur Regie. „Ich hätte nie gedacht“ sagt Hermanns, „dass mich diese Produktion einmal über mehr als 20 Jahre begleiten würde“.

Das hätte auch Christian Anders vermutlich nie gedacht. Er lieferte mit seinem Musical „Taro Torsay“ die Grundlage für die Parodie. Das Musical war ein großer Flop, das Trashical hingegen ein Erfolg. Dabei hat es vermutlich nicht allzu viel Umarbeitungskunst bedurft, um aus dem Original eine Lachnummer zu machen, angesichts solcher Song-Textzeilen: „Jane, Jane, Jane – was wird geschehn?“ und „Ja, wir sind, was wir sind, doch was sind wir bloß?“ Anders scheute sich auch nicht, aus dem Elvis-Klassiker „In the Ghetto“ eine deutsche Fassung zu texten: „In Chicago“. Dort spielt „Taro Torsay“, die Geschichte eines Gossenkinds, angesiedelt irgendwo zwischen Mafia, Showbiz, Liebe, Hass und Verzweiflung.

Die ganze thematische Bandbreite des deutschen Sangesguts also. Hermanns peppt die Vollplayback-Show aber noch zusätzlich auf, etwa durch Essenzen aus den Hits von Andrea Jürgens („Dabei liebe ich euch beide“) und Mireille Mathieu („Tarata-Ting, Tarata-Tong“), immer begleitet von Szenenapplaus des Publikums. Das hat sichtlich seinen Spaß, wenn Szene-Star Ades Zabel den Taro Torsay gibt, in Schlaghosen, die deutlich breiter als seine Schultern sind. Interessant ist, dass trotz des sehr hübsch zelebrierten Dilettantismus in der Show den beiden Frauen im Ensemble (Sandra Steffel und vor allem Antje Brameyer) anzumerken ist, das sie Show-Profis sind und eine Ausbildung genossen haben. Nicht nur darauf stoßen die Premierengäste beim nächtlichen Premieren-Stehrumchen im Foyer an – natürlich stilecht mit Sekt, bei Käseigel und Wackelpudding. Und natürlich Schlager-Musik.

Um einen solchen Abend zu mögen, sollte man den deutschen Schlager entweder lieben oder wenigstens hassen. Oder beides. Das wäre ideal.

Weitere Termine: 18. und 25. November, im Dezember am 2., 9., 16., 23., und 30.12., sowie 6. und 13. 1. 2007, jeweils 24 Uhr im Admiralspalast-Studio. Eintritt: 19 Euro plus Gebühren

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