Berlin : Es kracht zwischen Bahn und Senat

Berlin fühlt sich durch geänderte Fernverkehr-Pläne hintergangen – und es gibt noch mehr Streitpunkte

Klaus Kurpjuweit

Die Stadtentwicklungssenatorin fühlt sich hintergangen und auch sonst kracht es zwischen der Bahn und dem Senat gewaltig. Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ist in diesen Tagen nicht als Einzige überrascht vom Verhalten des Unternehmens. Sie hatte die Pläne der Bahn, den Fernverkehr auf der Stadtbahn zwischen Ostbahnhof und Bahnhof Zoo fast komplett zu streichen kritisiert. Außerdem hat die Bahn die Landesregierung damit überrascht, sich nicht am Bau des Vorplatzes für den künftigen Bahnhof Südkreuz an der Papestraße zu beteiligen. Und auch beim Bau der geplanten S-Bahn-Strecke S 21 vom Nordring zum neuen Hauptbahnhof sieht der Senat die Bahn als Bremser. Bahnchef Hartmut Mehdorn und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) versuchten gestern in einem Gespräch, die Wogen zu glätten. Das Zusammentreffen war schon vor einiger Zeit vereinbart worden. Zum Ergebnis wollten sich beide Seiten gestern nicht äußern.

Erst vor kurzem hatte sich Mehdorn beklagt, der größte Arbeitgeber der Stadt werde vom Senat nicht ausreichend unterstützt. Im Gegenteil: Bei der S-Bahn habe der Senat einen Vertrag durchgesetzt, der in den nächsten Jahren zu einem finanziellen Verlust führen werde. Vor wenigen Jahren hatte die S-Bahn bilanzmäßig noch einen Gewinn für die Bahn eingefahren.

Jetzt haben die neuen Pläne der Bahn die Berliner Verkehrspolitiker in Rage gebracht. Junge-Reyer will sich nicht damit abfinden, dass Fernzüge in Zukunft die Stadtbahn mit den Bahnhöfen Ostbahnhof und Zoo meiden. Auch sie sucht das Gespräch mit der Bahn. Diese will, wie berichtet, den Fernverkehr auf den Nord-Süd-Tunnel konzentrieren, der Ende Mai 2006 eröffnet werden soll. Bis auf wenige Ausnahmen würden ICE- und IC-Züge dann nur noch im unterirdischen Teil des künftigen Hauptbahnhofs und im neuen Bahnhof Südkreuz an der Papestraße sowie zum Teil in Spandau halten.

Die Bahn habe damit die gemeinsam mit dem Senat Anfang der Neunzigerjahre entwickelte Planung verlassen, kritisierte die Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung, Petra Rohland. Demnach sollten die Züge im Nord-Süd-Verkehr durch den Tunnel und diejenigen im Ost-West-Verkehr Richtung Ruhrgebiet und Frankfurt (Main) über die Stadtbahn fahren. Dort will die Bahn jetzt nur noch je drei Züge am Tag nach Amsterdam und Warschau einsetzen sowie einige ICE-Züge am frühen Morgen und am Abend, wenn die Züge ohnehin aus dem Betriebswerk Rummelsburg kommen oder dort hinfahren müssen.

Aus dem Nord-Süd-Tunnel können die Züge das Betriebswerk in Rummelsburg nur über Gesundbrunnen und den östlichen Teil des Innenrings erreichen. Diese Strecke wird derzeit ausgebaut.

Mit der Konzentration auf den Nord-Süd-Tunnel wolle die Bahn Fahrgäste zu den neuen Bahnhöfen Südkreuz und Hauptbahnhof zwingen, damit vor allem im Hauptbahnhof die dort vorgesehenen Geschäfte genügend Kunden finden, wirft Christfried Tschepe, der Vorsitzende des Fahrgastverbandes IGEB, der Bahn vor. Zudem seien die teuer gebauten Röhren ohne zusätzliche Züge nicht ausgelastet, so lange es keinen Zubringer-Verkehr zum Flughafen in Schönefeld gebe. Die Bahn wollte sich zu ihren Plänen nicht weiter äußern. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen, sagte ein Sprecher.

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