Berlin : Es lebe der Palast

Bei den Abrissarbeiten am Schloßplatz fallen 25 000 Tonnen Stahl an. Der Schrott wird nach Sachsen-Anhalt verschifft und verkauft Volkswagen fertigt daraus Motorenblöcke – und in Dubai entsteht aus dem Stahl das höchste Gebäude der Welt

Claus Dieter-Steyer

Die staatstragenden Elemente der DDR halten diesen Instrumenten nicht lange stand. Die Stahlschere braucht für das Trägerstück von Mielkes Tribüne nur wenige Sekunden. Dann liegt hinter der Presse nur noch ein Haufen handlicher Platten mit 40 Zentimeter langen Kanten. Die werden rasch von einem Bagger aufgenommen, um Platz für die nächsten Stahlträger aus den Resten des Palastes der Republik zu schaffen. Im Zwei-Schicht-System füttern die Arbeiter in Roßlau an der Elbe Europas größte Schrottschere mit den stählernen Resten des einstigen Prestigebaus im Berliner Zentrum.

An der Abrissstelle am Schloßplatz werden die zum Teil mehr als 100 Tonnen schweren und 90 Meter langen Stahlträger zu sechs Meter langen Stücken zerteilt. Lastkähne transportieren sie ins 120 Kilometer südwestlich Berlins gelegene Roßlau in Sachsen-Anhalt. Drei Tage brauchen die Schiffe bis zum Roßlauer Industriehafen, wo Kräne das einstige Gerüst zur größten Stahlschere Europas befördern. In der gigantischen Anlage werden aus den Überresten des Palasts kleine Stahlpakete für den Hochofen. Nach dem Einschmelzen macht der Rohstoff eine überraschende Verwandlung durch: Mit dem Stahl aus dem Palast der Republik werden Motorblöcke bei Volkswagen gefertigt. Ein anderer Teil wird im höchsten Gebäude der Welt in Dubai verbaut.

„Das ist wirklich die Tribüne vom Stasi-Chef gewesen“, sagt Schrotthändler Henryk Wetzel so überzeugend, dass Zweifel fast ausgeschlossen sind. „Der längste und stärkste Träger hielt die Konstruktion im großen Saal des Palastes zusammen.“

Wetzel ist der Mann, der mit den Resten des sozialistischen Prestigebaus aus Berlins Mitte ein Geschäft macht. Er stammt aus Mannheim, wo er mit seinem Bruder den Hauptbetrieb führt. So wie er verbinden viele Westdeutsche das ehemals dominierende Gebäude am Schloßplatz mit jener legendären Mielke-Rede am 13. November 1989 vor der Volkskammer mit der berühmten Floskel des Ministers für Staatssicherheit, die Hohn und Zorn gleichermaßen auslöste: „Ich liebe euch doch alle …“. Dabei war der Palast auch Schauplatz für viele Unterhaltungsprogramme wie „Ein Kessel Buntes“, für Rock-Konzerte, Parteitage, Jugendtreffen oder Schlagerfestivals. Aber diese Ereignisse verblassen im Unterschied zu Mielkes Entgleisung langsam in der Erinnerung.

„Die Qualität des Stahls ist ausgezeichnet“, sagt Wetzel beim Blick auf die nächsten per Kran heranschwebenden Teile. „Deshalb werden wir den Schrott auch spielend los.“ Die Hauptabnehmer der aus der großen Stahlschere purzelnden Quadrate sitzen im nicht weit entfernten Leipzig. Hier schmelzen zwei Gießereien den Schrott ein. „Bei 1300 Grad Celsius entsteht dann eine schöne Suppe, die wenig später eine völlig neue Form annimmt“, erklärt Ronny Becker, einer der Chefs der ostdeutschen Niederlassungen von „Schrott-Wetzel“. „Daraus werden dann beispielsweise Motorblöcke für VW-Pkw und MAN-Lkw oder Kettenglieder für große Bagger.“

Neben der Automobilindustrie kaufen türkische Stahlwerke das Material auf, das einst in der thüringischen Maxhütte Unterwellenborn hergestellt wurde. Ein Reporter hat kürzlich den Weg des Schrotts aus dem Palast der Republik verfolgt und eine überraschende Entdeckung gemacht: Die Stahlplatten gelangen über den Atlantik und das Mittelmeer zu einem großen türkischen Industriekomplex, wo unter anderem Stahlträger für das höchste Gebäude der Welt gebaut werden. „Al Burj“ – zu deutsch: der Turm – entsteht zurzeit in Dubai und soll mit 1200 Metern Höhe das bisher höchste Gebäude der Welt, den „Burj Dubai“, um 400 Meter übertreffen. Für 2010 ist die Eröffnung des Superturms aus Stahl und Glas mit 228 Stockwerken geplant.

Auch Schrotthändler Wetzel verspricht sich Prestige vom Palast der Republik. „Wir wollen unsere riesige Stahlschere in Roßlau bekannter machen“, sagt er. „Ein Auftrag wie dieser ist dafür ideal.“ Reich würde er damit aber nicht. Die Stahlpreise hätten zwar in den letzten Jahren stark angezogen, aber der Handel profitiere kaum davon.

Die ungeheure Kraft der Stahlschere veranschaulicht ein Vergleich. 31 übereinandergestapelte Eisenbahnschienen mit acht Meter Länge kann die Schere mühelos mit einem einzigen Schnitt zerteilen. Der Druck von 2000 Tonnen lässt die Schienen wie Streichhölzer auseinanderbrechen.

Noch bis zum nächsten Frühjahr kommt in Roßlau der Palast unter die Schere. Obwohl es mit seiner Maschine auch deutlich schneller ginge. „Wir wären mit den 25 000 Tonnen sicher in zwei Wochen fertig“, sagt Wetzel mit einem Lächeln. „Aber in Berlin müssen die großen Träger per Hand geteilt werden, damit sie auf die Schiffe passen.“ Das brauche eben seine Zeit. Doch an anderen Aufträgen mangelt es dank der guten Stahlpreise nicht. Mit dem einstigen Volkseigenen Betrieb „Elektrokohle Lichtenberg“, in dem bis zu 3000 Mitarbeiter Grafitprodukte hergestellt hatten, und dem alten Stahlwerk in Hennigsdorf haben die 25 Mitarbeiter bei Schrott-Wetzel in Roßlau zurzeit mit zwei weiteren Großprojekten aus der Hauptstadtregion zu tun.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar