Berlin : Es liegt kein Grauschleier über der Stadt

Für das Kreuzberger Viertel um die Oberbaumbrücke wirkte die „Universal“-Ansiedlung in Friedrichshain wie eine Vitaminspritze – auch für alte Gewerbehöfe

Christian van Lessen

LINKS UND RECHTS DER OBERBAUMBRÜCKE – NEUES LEBEN AN DER SPREE

Marcus Fehse öffnet das Fenster seines Büros im ersten Stock. Die Luft schmeckt tatsächlich ein bisschen nach Hafen. Unten plätschert die Spree des Osthafens, am Bootssteg liegen zwei kleine Yachten. Fehse hat von hier, mit Blick auf die Oberbaumbrücke, Architektenvisionen ins Bild gesetzt. Etwa die Computersimulation für den Großflughafen Schönefeld, die in allen Zeitungen und TV-Kanälen gezeigt wurde. Das junge Team im Büro bünck + fehse für Visualisierung und Animationsdesign ist typisch für die Mieterschaft, die sich zunehmend im Umfeld der Brücke niederlässt. Nicht nur Clubs, Kneipen und Cafés richten sich ein, auch Architekturbüros, Modedesigner, kleine Music-Label – vor allem auf der Kreuzberger Uferseite. Das Viertel zwischen Schlesischer Straße und Spree hat den Grauschleier abgelegt, die Ansiedlung von „Universal“ gegenüber in Friedrichshain wirkte wie eine Vitaminspritze.

Der große Gebäudekomplex an der Schlesischen Straße 29 - 30 gilt als Musterbeispiel für modernes Gewerbe in alten Gemäuern. Seine drei Höfe reichen bis ans Ufer, wo ein ergänzender Neubau errichtet wurde. Markant wirkt ein Aufbau, der wie eine Kommandobrücke aussieht und ein Stück weit über die Spree reicht. Es ist der „Wolkenriegel“, entworfen von Andrea Ruiken und Michael Vetter, die ihr Büro im Gewerbehof haben. Für den Riegel erhielten sie einen Architekturpreis. Auf vier Stahlstützen ruht in 21 Metern Höhe eine Etage, die mit Terrasse 365 Quadratmeter groß ist. Der Vermieter sagt, dass er viel mit Musikfirmen verhandelt und damit rechnet, den Wolkenriegel bald vermieten zu können. Bislang habe der ungewöhnliche Bau nur tageweise vermietet werden können, vor allem an Filmproduktionen, die von der Sicht auf den Osthafen und die Brücke begeistert waren.

Am Ufer sind hauptsächlich Büros eingerichtet, das von Marcus Fehse befindet sich unterhalb des Riegels. Es ist ein Neubau, an dessen Uferkante kleine Treppen und ein Bootssteg angelegt wurden. „Ein Idyll mit direktem Wasseranschluss“, freut sich Fehse beim Blick nach unten. Oft wird er gefragt, ob man hier, direkt am Wasser, auch wohnen könne, „aber gewohnt wird eher an der Schlesischen Straße“. Zu den Mietern dort gehört die Modedesignerin Carola Krauthahn, die sich gern zur Mittagsstunde auf dem Bootssteg unterhalb des Wolkenriegels sonnt. Knapp sieben Jahre wohnt sie schon an der Schlesischen, und den Wandel der Straße hat sie miterlebt. Schon vor der Universal-Ansiedlung ging es bergauf, aber nun hat sich mit neuen Musik- und Modefirmen, mit den neuen Bars und Clubs eine ganz andere Lebensqualität eingestellt. Die Leute wandern in den Mittagspausen von einer Seite der Spree auf die andere, in vielen einst leer stehenden Läden an der Schlesischen Straßen siedeln sich Galerien und Cafés an. „Es ist irre, wenn man hier wohnt, und die Mieten sind ok.“ Im Gewerbehof nebenan werden Lofts ab fünf Euro pro Quadratmeter angeboten. Es sind aber nur Büroräume. Viele Interessenten wollen gerade hier wohnen.

Die Gegend profitiert nicht nur vom Musikunternehmen Universal und neuer Firmen im benachbarten Spreespeicher. Sie lockt ohnehin vor allem Touristen wegen der Eastside-Gallery an. Die Sandburgen-Ausstellung „Sandsation“ im Schatten der alten Mauer hat alle Erwartungen übertroffen. Die Oberbaumbrücke selbst wird als Veranstaltungsort entdeckt, am letzten Sonntag gab es die erste Open-Air-Galerie mit vielen Künstlern, von denen viele erst seit kurzer Zeit in der Gegend wohnen und arbeiten. Die nächste Kunstausstellung auf der Brücke soll am 10. August folgen. Mit der geplanten Anschutz-Arena am Friedrichshainer Ufer könnte das Oberbaum-Gebiet in den nächsten Jahren einen weiteren Schub erhalten.

„Wer hier wohnt, will nicht weg,“ sagt Carola Krauthahn. Und wer hier arbeitet, auch nicht. „Es ist der tolle Ausblick“, sagt Robert Rischke von „aheadmedia“. Auf der Visitenkarte des Verlagsmanagers sind Wien, London und Berlin verzeichnet. Der Berliner Sitz ist die Schlesische Straße. Das wäre vor Jahren nicht „in“ gewesen. Sein Bürofenster mit Blick auf Brücke und Spree ist einst aus einer Brandmauer gebrochen worden. Drei dieser großen und düsteren Mauerwände ziehen sich die Cuvrystraße entlang, werden von Anwohnern als scheußlich-schönes Gesamtkunstwerk betrachtet.

Rischke fürchtet um seinen Ausblick. Sollten direkt neben dem Haus auf der Freifläche die „Neuen Spreespeicher“ entstehen, wird das Fenster zugemauert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar