Berlin : Es muss nicht immer Kaviar sein

Die WASG lud Arbeitslose ins Edel-Restaurant Borchardt. Doch dann gab’s nur ein Picknick auf der Straße

Katja Füchsel

Einmal essen wie die Reichen! Aber am Chef des Restaurants Borchardt kommt keiner vorbei, nicht ohne Reservierung. Als Helmuth Logemann, 47, es trotzdem versucht, bekommt er eine Visitenkarte in die Hand gedrückt. Rufen Sie uns an, sagt der Mann in der Tür. Wir suchen einen Lageristen. Logemann strahlt. „Ich könnte einen Job kriegen – das wäre ja noch besser als ein Essen!“

Eins zu null fürs Borchardt. Die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) hatte gestern Arbeitslose zu einem Essen in das Edelrestaurant am Gendarmenmarkt in Mitte geladen. Die Zeche wollte die WASG-Landesvorsitzende Lucy Redler erst übernehmen und die Rechnung dann Finanzsenator Sarrazin überreichen. Als Zeichen des Protests gegen die Umsetzung der Hartz-IV-Gesetze durch den rot-roten Senat. Die Einladung hatte die WASG auch vor den Job-Centern verteilt.

Erschienen sind dann: Redler, einige WASG-Aktivisten, eine Horde Journalisten und höchstens ein Dutzend Arbeitslose. Während Redler auf dem Bürgersteig Interviews gibt („…die Schere zwischen Arm und Reich… das private Vermögen… ein Menschenrecht…“), zeigen ergraute Wahlhelfer rufend, wie viel Humor in ihnen steckt: Die Gardinen – damit man den hohen Herrschaften nicht beim Futtern zusehen kann! Ein Lastwagen – jetzt kommt der Champagner!

Per Lautsprecher bittet die WASG schließlich alle auf die andere Straßenseite, damit sie heute doch noch feiern können, „mit Kaviar und Champagner“. Aber vier Tage vor der Wahl scheinen die Kassen der WASG genauso leer wie die Mägen der Gäste zu sein. Statt Kaviar gibt es Käse und eine rosafarbene Fischpaste zum Baguette, der Prosecco wird in Plastikbechern serviert und in blauen Müllsäcken mit Eiswürfeln gekühlt.

„Und? Wie schmeckt der Schampus?“ – Schulterzucken – „Geht so, nicht?“

Erst als eine Kamera auftaucht, wird der Mann im WASG-Shirt gesprächiger: „Sehr ungewohnt. Ich bin ja nur noch einfache Sachen gewohnt. Abends habe ich mir das Essen schon ganz abgewöhnt…“

Während der Wahlhelfer so redet, ist gegenüber die Konkurrenz von der „Humanwirtschaftspartei“ aufgetaucht: „Das Wunder von Berlin“ singen fünf Männer mit einem Bollerwagen. Kaum sind sie um die Ecke verschwunden, stellt sich ein Mann mit Pappschild vorm Restaurant auf: „Wer schützt uns Rentner?“, steht darauf. Der Chef vom Borchardt verzieht keine Miene. Er verteilt weiter Visitenkarten.

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