Berlin : Es muss nicht immer Kita sein

Zwei Beispiele für intelligente Ausgabensenkung bei der Kinderbetreuung: Tagesmütter und Tagesstätten in freier Trägerschaft

Susanne Vieth-Entus

Soll man an der öffentlichen Kinderbetreuung sparen? Viele Berliner Eltern sind erst einmal fassungslos, wenn sie hören, dass Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) in diesem Bereich Millionen Euro streichen will. Was in der hitzigen Debatte oft übersehen wird: Viel Geld ließe sich sparen, ohne deshalb gleich das Platzangebot einzuschränken.

Beispiel 1: Tagesmütter. Sie betreuen Kinder bis zum Alter von drei Jahren zusammen mit ihren eigenen Kindern zu Hause. Dafür erhalten sie Geld vom Bezirk (bei bis zu sieben Stunden täglich rund 360 Euro im Monat), und die Eltern zahlen – je nach Einkommen – einen Anteil davon, der dem Beitrag für eine Kita entspricht. Für das Land sind Tagesmütter wesentlich preiswerter als staatliche Krippen, die hohe Verwaltungskosten haben. Mehr als 3200 Kinder werden schon jetzt in häuslicher Umgebung bei Tagesmüttern betreut. Die Zahl könnte wesentlich höher liegen, wenn die Eltern freie Wahl hätten. Haben sie aber nicht, denn viele Bezirke bewilligen nur ungern Tagesmütterplätze, solange es in öffentlichen Krippen freie Plätze und unkündbares Personal gibt.

Die Meinungen über Tagesmütter gehen allerdings stark auseinander. Wer bei den Eltern in der Charlottenburger Kita des Pestalozzi-Fröbel-Hauses nachfragt, bekommt die Gegenargumente auf den Tisch. „Wenn die Tagesmütter krank oder im Urlaub sind, hat man niemanden fürs Kind“, sagt Gesamtelternvertreterin Daniela Fiedler. Außerdem müsse man erst einmal eine Tagesmutter finden, „die nicht raucht und die Kinder nicht vor den Fernseher setzt“. Marion Feige findet es vor allem bedenklich, „dass Tagesmütter kaum kontrolliert werden und keine Erzieherausbildung haben“.

Überzeugte Tagesmutter-Eltern sehen das natürlich anders. „Die Krippe kam für mich nicht in Frage“, sagt etwa Uta von Arnim. Bei ihrer Wilmersdorfer Tagesmutter Edith Fahrentholz sei es „viel familiärer“ und die wenigen Kinder dort könnten wie Geschwister aufwachsen. Die fehlende Erzieherausbildung gibt ihr nicht zu denken, denn: „Als Mutter habe ich ja auch keine Ausbildung.“ „Einen Krippenplatz hätte ich nur im Notfall genommen“, steht auch für die Spanierin Pino Sanchez fest. Sie hat ihren jetzt einjährigen Sohn Noah bewusst zu einer Tagesmutter gegeben, weil es dort ist „wie in einer Familie, wie bei Oma oder Tante“. Pino Sanchez zahlt für ihre Tagesmutter monatlich 180 Euro. Das Bezirksamt legt einen ähnlichen Betrag drauf.

Wieviel Berlin sparen könnte, wenn ein großer Teil der 30000 Krippenplätze zu Tagesmüttern verlagert würde, lässt sich aber nicht beziffern, solange die Bezirke nicht eindeutig festgestellt haben, was sie für einen Krippenplatz ausgeben.

Beispiel 2: Private Kitas. Rund ein Drittel der Betreuungsplätze für Kinder bis zehn Jahre sind schon jetzt in der Hand so genannter freier Träger wie Kirchen und Elternvereine. Auch sie sind wesentlich preiswerter als öffentliche Kitas, weil die Eltern viel Eigenengagement einbringen – etwa bei der Verwaltung, beim Kochen oder Putzen. Deshalb will die Koalition bis 2006 ein weiteres Drittel des Platzangebotes an Private übertragen. Dieses Ziel bestand schon, bevor Thilo Sarrazin Finanzsenator wurde.

Die meisten Eltern begrüßen eine solche Übertragung von Bezirkskitas, weil die Trägervielfalt dazu beiträgt, dass sehr unterschiedliche pädagogische Ansätze – von Montessori bis Waldorf – angeboten werden. Zwar zeigen sich auch öffentliche Kitas zunehmend aufgeschlossen für derartige Ansätze. Aber sie können nicht alle Wünsche erfüllen, zumal nicht alle Erzieherinnen mitziehen. Ein Paradebeispiel für Lücken im öffentliche Angebot sind zweisprachige Kitas. Sie werden bevorzugt von kleinen, interessierten Elterngruppen organisiert. Wenn mehr Kinder zu Tagesmüttern und freien Trägern geschickt werden, hat das aber auch einen Nachteil: Die soziale Mischung stimmt nicht mehr. Es sind vor allem die bildungsnahen Schichten, die den Wechsel zu freien Trägern wagen oder sich Tagesmütter suchen.

Doch selbst wenn die teuren öffentlichen Betreuungsangebote rigoros zurückgefahren würden, ließe sich die vom Finanzsenator angestrebte Kostenreduktion auf Hamburger Niveau nicht ohne zusätzliche Sparmaßnahmen erreichen, also durch ein kleineres Angebot an Plätzen. Sarrazin möchte die Betreuung der unter Dreijährigen davon abhängig machen, ob die Eltern berufstätig sind. Doch davon rät Kita-Leiterin Marianne Hegge ab: „Vor dem dritten Lebensjahr integrieren sich die Kinder leichter. Außerdem lernen ausländische Kinder die deutsche Sprache besser, wenn sie früher in die Kita kommen.“ Vielen Familien gefällt auch die Ankündigung Sarrazins wenig, dass Ganztagesplätze nur noch für Eltern mit Vollzeitarbeit vorgehalten werden sollen. „Bei den weiten Wegen hier ist es doch selbst bei einem Halbtagsjob gar nicht möglich, sein Kind nach vier oder fünf Stunden abzuholen“, sagt Martina Rosenhöfer. Ebenso wie die anderen Eltern des Pestalozzi-Fröbel-Hauses versteht sie nicht, dass Berlin ausgerechnet jetzt, da bundesweit der Trend in die Gegenrichtung geht, die Kita-Versorgung einschränken will.

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