Berlin : Es qualmte auf Türkans Schulter – zum Glück nur eine kleine Verletzung

Tanja Buntrock

An die Silvesternacht 2002 mag die 12-jährige Türkan Bilkay nur missmutig denken. In der Schöneberger Frobenstraße, wo sie wohnt und mit ihren Eltern, Geschwistern und ihrem Onkel feierte, explodierte gegen 0 Uhr 30 ein prall gefüllter Rucksack mit Feuerwerkskörpern. Neun Verletzte, darunter zwei Kinder zählt die Polizei später.

Doch schon vorher gibt’s die ersten Vorfälle. Türkan hat Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Die kleine Brandwunde an ihrer linken Schulter, die nur mit einem kleinen Heftpflaster überklebt ist, schmerzt allerdings immer noch, sagt sie. Dabei habe alles ganz problemlos angefangen.

„Wir Kinder sind mit meinem Onkel um kurz vor Mitternacht runter gegangen auf die Bülowstraße, haben um Punkt zwölf angefangen, Knaller zu werfen und Raketen zu zünden. Es war richtig schön.“ Unten ist auch schon ein Großteil der 18-köpfigen, arabischen Familie O. versammelt. „Die hatten wahnsinnig viele Böller, Raketen und anderes Knallzeugs, in Tüten und Taschen bei sich“, erinnert sich Türkan. Die Bewohner beglückwünschen sich zum neuen Jahr und begrüßen es krachend und heulend mit ihren Böllern und Raketen. Dann, ganz plötzlich, habe Türkan „ein zischendes Geräusch und Hitze gespürt“, sich umgedreht und gesehen, wie „irgendwas Leuchtendes mit Qualm“ auf ihre linke Schulter herabfällt. Der Feuerwerkskörper frisst sich durch den Wollschal und die Daunenjacke, so dass Türkans Haut verbrennt. „Eine von den arabischen Frauen im Pulk ist auf mich zugerannt und hat mir mit der Hand auf die Jacke geschlagen und damit das Feuer erstickt“, sagt Türkan.

Sofort hastet sie hoch in die Wohnung, um nach Brandsalbe zu suchen. Türkans 14-jährige Schwester Ceylan will in der Zwischenzeit beobachtet haben, wie die Frau, die ihrer Schwester zuvor noch geholfen hatte, das Feuer zu ersticken, am Bein verletzt worden ist. „Jemand hat sie mit einer Leuchtkugel aus einem Gewehr getroffen. Ich habe noch gesehen, wie sie die Frau zurück in die Wohnung getragen haben“, sagt Ceylan.

Die beiden Mädchen haben Glück, dass sie sich in der Wohnung aufhalten, als es unten richtig gefährlich wird und der Rucksack voller Pyrotechnik explodiert. Ihr Onkel Hüseyen Akis steht immer noch auf der Straße vor der Haustür im Menschenpulk und verballert seine Kracher und sonstige Pyrotechnik. „Doch dann knallte es plötzlich so sehr und so oft hintereinander, dass ich mich umgedreht habe und um die Ecke gerannt bin, um nachzusehen.“ In dem Moment sei eine Frau, die zur arabischen Nachbarsfamilie gehört, schreiend mit brennendem Rock in den Innenhof gelaufen. Den Rucksack, der explodiert ist, habe er nicht sehen können, dafür aber „Kinder, denen Blut über die Wange lief“. Sie seien weinend in die Wohnung gerannt, schildert Hüseyen Akis. Kurz danach treffen die Polizei und mehrere Notarztwagen ein. Sie bringen die Verletzten ins nahe gelegene Elisabeth-Krankenhaus. „Die Feier war dann aus, alle verzogen sich geschockt in ihre Wohnungen“, sagt Türkan.

Von der arabischen Nachbarsfamilie wollte sich gestern niemand genauer zu dem Unglück äußern. „Es ist aus Versehen passiert, wir können nichts dafür, mehr sagen wir nicht“, ist das Einzige, was einer der Söhne von sich gibt. Dann schlägt er die Wohnungstür zu. Für Türkan ist seit dem Jahreswechsel eines klar: „Ich hasse Silvester.“

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