Berlin : Es rollt noch nicht

Das Riesenrad am Zoologischen Garten stößt auf Widerstand. Dabei stehen Banken mit einer halben Milliarde Euro bereit

Ralf Schönball

Atemberaubend wird diese Reise in den Himmel über Berlin: Mehr als eine halbe Stunde lang schweben die Passagiere in klimatisierten Gondeln 175 Meter in die Höhe, hoch über dem Zoologischen Garten. Von hier aus liegt den Reisenden ganz Berlin zu Füßen. Am Boden sind die Menschen nur noch Punkte und die Autos bunte Striche auf grauem Asphalt.

Das „World Wheel“, das sich in Berlin im Jahr 2008 drehen soll, wird die Fahrgäste höher hinaus als das Europa-Center tragen. Ob die Investoren aber wirklich das große Rad drehen können, ist noch offen. Verzögerungen beim Kauf des Grundstückes und Einwände von Gegnern des Projektes lassen Gerüchte sprießen.

Vor einer Woche schien alles klar: Der Vertrag zum Erwerb des Grundstücks für das Rad, ließ die zuständige Senatsverwaltung für Finanzen verlauten, liege dem Investor vor. Ein Termin zur Unterzeichnung stand bereits. Doch die Investoren kniffen. Ursache sind Vertragsdetails und Bedenken des Grundeigentümers Zoologischer Garten. Dort fürchtet man, die neue Attraktion bringe den Traditionsbetrieb um Einnahmen.

Trotz der Bedenken legte sich der Senat fest – noch bevor das von Zooleitung und Aufsichtsrat beauftragte Gutachten über die Folgen des Radprojektes vorliegt. Das Riesenrad soll kommen, sagt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

Verwunderlich ist die Zustimmung unter den politischen Mandatsträgern. Denn an dem großen Berliner Rad wird schon seit Jahren gedreht. Immer wieder neue Standorte waren im Gespräch – Anhalter Bahnhof, Technik-Museum – keiner passte. Dann geriet auch noch der Geschäftsführer der „World Wheel Berlin Holding“ ins Gerede. Der geständige Ingenieur hatte nach Überzeugung von Gerichten in seiner Zeit als Beamter in Hamburg in die eigene Tasche gewirtschaftet. Zwei Jahre Haft auf Bewährung wegen Untreue und Urkundenfälschung lautete das Urteil. Das Berufungsverfahren läuft.

Wegen der Vorwürfe zog sich der Mann aus der Geschäftsführung zurück. Weithin unbekannt war aber bisher: Über Tarnfirmen ist er weiterhin an der Gesellschaft beteiligt – und dreht mit am großen Rad.

Es sei nicht Sache der Senatsverwaltung für Finanzen, ein Urteil über die Gesellschafter der Firma zu sprechen, heißt es im Hause von Thilo Sarrazin (SPD): „Das Land und der Liegenschaftsfonds prüfen die Bonität des Käufers und gestalten den Kaufvertrag so, dass das Land nicht die Risiken trägt“, sagt Sprecher Matthias Kolbeck. So müsse der Käufer mit einer Bürgschaft sicherstellen, dass bei einem Scheitern des Projekts das Rad abgebaut wird. Der Einblick aber, den die neuen Radfinanziers dem Senat in ihre Vermögensverhältnisse gewährten, ließ kaum Fragen offen. Deshalb soll nun alles ganz schnell gehen. Das liegt am neuen Chef der Berliner „World Wheel Berlin Holding“, Michael Waiser, und vor allem an der internationalen Gruppe von Finanzexperten, die als neue Gesellschafter in das Projekt eingestiegen sind. Diese überzeugten die niederländische Großbank ABN-Amro davon, dass man mit Riesenrädern das große Geld machen kann. Gleich „drei bis vier Riesenräder“ sollen in China, Dubai und eben Berlin entstehen. Kosten: eine halbe Milliarde Euro. Das Geld will die deutsche ABN-Amro-Tochter Delbrück Bethmann Maffei bei Privatleuten einsammeln: 200 Millionen Euro sollen so in die Kassen des Fonds fließen. Die übrigen 300 Millionen Euro sollen andere Banken als Kredite beisteuern. Der Clou: Sogar Berliner könnten ihr Geld in das Riesenrad am Zoo investieren: Anteile soll es ab 10 000 Euro geben, an Schaltern der Berliner Sparkasse. Finanzkreisen zufolge hat sie großes Interesse am Vertrieb des Riesenfonds.

Noch ist ungewiss, ob das Berliner Rad in den Fonds aufgenommen wird. Verträge für das „Great Beijing Wheel“ in Peking sind unterschrieben. Verhandlungen über ein Rad im Chinesischen Badeort Tsingtao am Gelben Meer stehen vor dem Abschluss. Das Öl- und Steuerparadies Dubai am Persischen Golf gilt als dritter aussichtsreicher Standort. Berlin wird in Branchenkreisen auch erwähnt. Der Fonds würde aber auch mit nur drei Rädern um Anlegergelder werben – wenn das Hauptstadt-Rad ausgebremst wird.

Deshalb sorgt die Verzögerung bei der Unterzeichnung der Grundstückskaufverträge für Unruhe. Radentwickler Michael Waiser sagt dazu: „Im Grundsatz sind wir uns einig, aber es bleiben noch Feinheiten im Kaufvertrag zu klären.“ Die Feinheiten dürften es aber in sich haben: So verlangt der Finanzsenator eine Bankbürgschaft, die auch nach Fertigstellung des Rades die Landeskassen jahrelang vor Folgen einer Pleite schützt. Diese Bürgschaft muss Millionen wert sein, um davon den Abbau des Stahlgerippes bezahlen zu können.

Widerstände gibt es auch beim Zoo. Der leidet seit Mai unter dramatischen Umsatzeinbußen. Kommt das Riesenrad, schrumpfen die Einnahmen noch mehr: Zoo und Rad buhlen um dieselben Kunden, Familien mit Kindern. Nur wenige könnten sich Tickets für beide Attraktionen leisten, so Zoo-Freunde. Der kaufmännische Direktor des Zoos sagt: „Erst wenn alle Informationen und Ergebnisse vorliegen, können konkrete Verhandlungen mit dem Land geführt werden. Letztlich ist vor Abschluss eines Vertrages auch noch die Zustimmung des Aufsichtsrates der Zoo AG einzuholen“, so Gerald Uhlich.

Wie das Kontrollgremium des Zoos entscheiden wird, ist ungewiss. Rad oder nicht? Darüber gehen die Meinungen im Gremium auseinander. Da könnten Männer von politischem Gewicht den Ausschlag geben. Einer davon ist im Aufsichtsrat des Zoos Horst-Achim Kern. Der frühere parlamentarische Geschäftsführer der Berliner SPD sitzt bis heute in vielen Gremien – den Posten im Aufsichtsrat der finanziell schwer angeschlagenen Wohnungsbaugesellschaft Mitte gab er auf. Das Riesenrad unterstützt Kern seit Jahren – und er war es, der den Zoo als Standort vorschlug.

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