Berlin : Es tut nicht gut, ohne Regeln zu leben

Taufe in der Emmaus-Kirche

Anna Bilger

Der Pfarrer bringt mit der Sackkarre noch mehr Stühle, denn die Emmaus-Kirche in Kreuzberg ist überfüllt. Drei Taufen stehen an. Kinder wuseln umher, Familienmitglieder und Paten suchen noch Plätze in den Stuhlreihen, die halbmondförmig vor dem Altar stehen. Der Kirchenraum ist hell und schlicht, nur der Altar steht ein wenig erhöht. Pfarrer Jörg Machel tritt in die Mitte und entlässt die Kleinen in den Kindergottesdienst. Heute haben sie die Aufgabe, die Kerzen für die Täuflinge Christian, Lotte und Helene zu basteln. 40 Füße trappeln hinaus.

Immer am letzten Sonntag im Monat findet in Emmaus der Themengottesdienst statt, es geht um Gerechtigkeit, Frieden oder die Schöpfung. Heute spricht Pfarrer Machel über Freiheit. Er liest die Geschichte von Moses, der auf den Felsen schlug, um Wasser fließen zu lassen. (2 Mose 17 und 4 Mose 20). Das Volk der Israeliten gelangt in die Wüste Zin. Die Gemeinde hat kein Wasser und sie hadert mit Moses. Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass unsere Kinder und das Vieh verdursten? Moses spricht zum Herrn. Gott antwortet, Moses solle seinen Stab nehmen und auf den Felsen Horeb schlagen. Moses folgt den Anweisungen, und es sprudelt Wasser. Pfarrer Machel sieht im Weg des Volkes Israel ein Grundmuster menschlicher Wege. „Oft will man aus unerträglichen Verhältnissen ausbrechen.“ Das könne ein schwieriger Konflikt sein, aus dem man sich befreien wolle. Ist dieser gelöst, sei man noch nicht frei, sondern in der Wüste. „Plötzlich ist nichts mehr da, was das Leben gefüllt hat.“ Vielleicht sehne man gar den Konflikt zurück. So wie sich die Israeliten nach den Fleischtöpfen Ägyptens sehnen und Gott ihnen Wachteln schickt, auf dass sie essen mögen bis ihnen schlecht werde. Der Pfarrer legt den Eltern der Täuflinge darum nah, nicht nur zu verbieten, sondern auch Überfluss zuzulassen. Dies sei die Freiheit zu erfahren, „dass es nicht gut tut, ohne Regeln zu leben“, sagt der Pfarrer. Natürlich gäbe es Widerstände auf dem Weg zur Freiheit, aber wenn „wir das Wasser des Lebens brauchen, müssen wir nicht ganz weit weg suchen“. Denn plötzlich fließe wieder eine Quelle, und Gott sei ganz nah. Wie man die Quellen zum Sprudeln bringe und „sich gegenseitig mit auf den Weg nimmt in die Freiheit“, darum geht es Pfarrer Machel.

Die Kinder kommen zurück, die Taufkerzen werden stolz der Gemeinde präsentiert. Christian, Helene und Lotte werden mit dem Wasser des Lebens gesegnet und in die Gemeinde aufgenommen. Damit der Weg in die Freiheit ein gemeinsamer ist.

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