Berlin : Es überzeugt die Menschen einfach nichts so sehr wie Qualität

Elisabeth Binder

Anklamer Str. 38, 10115 Berlin-Mitte, Telefon: 4485840, geöffnet: Mo bis Fr 12-15 und ab 18 Uhr, Wochenende ab 18 Uhr, Kreditkarten: American Express, Euro, VisaElisabeth Binder

Eine Straße in Mitte, abseits des Trampelpfades. Ein hübscher, aber verlassener Hinterhof. Oh je, wahrscheinlich werden wir wieder die einzigen Gäste sein. Zweiter Hinterhof. Ein paar dekorative Stühle mit kleinen Tischchen vor einer Tür. Hinter der Tür ein großzügiger Raum, geschmackvoll eingerichtet. Dahinter ein grüner Hof mit einfachem Biergartenmobiliar. Offene Küche, Stofftischtücher, Stoffservietten, Kerzen. Der graufleckige Fußboden ist zum Teil von Backsteinwänden umgeben und stammt noch aus der Zeit, als hier eine Kosmetik-Produktion ihren Sitz hatte. Gesamtstil: Understatement, edel variiert. Das Publikum: alle Altersklassen, alles Leute, die nett aussahen und so, als hätten sie es keinesfalls nötig, mit ihrer Freude an gutem Essen zu prahlen. Wir bekamen so grade mal den vorletzten freien Tisch.

Es überzeugt die Menschen einfach nichts so sehr wie Qualität. Wenn die stimmt, dann finden sie das abgelegenste Lokal. Wenn nicht, öden die Tische selbst an der belebtesten Szene-Route verlassen vor sich hin. Ein junger Kellner, dessen exakte Mischung von Souveränität, freundlicher Fürsorge und Zurückhaltung jedes Luxushotel schmücken würde, versorgte uns mit Aperitifs. Das Amuse Gueule war für einen Appetitanreger ein bißchen mächtig, aber originell und gut: Butter von getrockneten Tomaten mit einem kleinen Salat. Dazu knuspriges Baguettebrot. Als Vorspeise gab es ein überzeugendes Ziegenkäsemousse mit nicht minder überzeugenden, gebratenen Artischocken (16 DM). Auch der großzügige Salat vom Seeteufel in einer Kokosmarinade mit Kirschtomaten hatte diesen unwiderstehlich frischen Geschmack, den nicht nur tadellose Zutaten zustande bringen, sondern auch Phantasie und Innovationsgeist (17 DM).

Es stimmten eben auch so viele Details. Die Weinkarte führt die roten auf roten Blättern und die weißen auf hellen Seiten auf. Dies als Service für die Unsicheren. Kenner werden sich an renommierten Namen auch bei den offenen Schoppen weiden. Das ohnehin schon tolle Baguettebrot wird vorsichtshalber zum Hauptgang ausgetauscht, als könne eine innerhalb von 30 Minuten möglicherweise eingetretene Ermattung der Knusprigkeit den Gesamtgenuß trüben. Hier will es jemand wissen, das ist offensichtlich. Ein weiteres Indiz ist der Champagner-Preis: 18 DM lassen auf eine hohe Selbsteinschätzung schließen. Noch war ein kleiner Junge am Nachbartisch der einzige Krawattenträger, den wir im Raum sichten konnten, aber das wird sich ändern.

Auch die Hauptgerichte hatten diesen besonderen Geschmack, den man eine Weile im Gedächtnis behält. Der Wolfsbarsch mit Safranrisotto und gefüllter Zucchiniblüte war dramatisch in Szene gesetzt und schmeckte dabei richtig gut (33 DM). Ebenso der Knurrhahn, der mit Pilzfarce gefüllt auf einer wunderbaren weißen Portweinsauce einigen höchst bekömmlichen Kartoffelplätzchen die Ehre gab (31 DM). Zum Essen und in dieses Ambiente paßte der kalifornische Chardonnay von Mondavi (54 DM), der wohltemperiert in einem pfiffigen Kühler (mit Extrafach für Eiswürfel) und mit einer Entschuldigung für die kleine Verzögerung serviert wurde. Die Wartezeiten waren tatsächlich nicht ganz kurz, aber das sieht man ein, wenn so vielen Leuten so aufwendige Gerichte serviert werden.

Kleiner Patzer beim Dessert: Statt des bestellten Mandelmuffins mit Beeren bekamen wir die Frühlingsröllchen mit Kokosnußfüllung, Ananas und Pannacotta. Zu köstlich, um sie erzürnt zurückgehen zu lassen. Außerdem versöhnte auch noch die Auswahl guter (Obst-)Geister.

Es besteht natürlich immer die Gefahr, daß wir einen besonders guten oder besonders schlechten Ausnahmetag erwischen. Aber zu viele Indizien sprechen dafür, daß dem Blue Goût der Umzug vom alten SO 36 nach Mitte den entscheidenden Kick verpaßt hat. Aus einem zwar ambitionierten, aber doch recht szenigen Lokal ist ein Restaurant von Format geworden. So wird in einem abgelegenen Hinterhof ein Exempel für den großen Trend zelebriert. Das sieht auch Blankenese inzwischen ein: In dieser Stadt trifft man in immer kürzeren Zeitabständen auf Orte, an denen die Zukunft schon begonnen hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar