Berlin : Es war nicht alles schön: Mehr lernen über die DDR

Berliner Schüler sollen sich jenseits von Ostalgie-Shows über die SED-Diktatur informieren. Bildungssenator Böger und die Gedenkstätte Hohenschönhausen stellen Material für den Unterricht vor

Volker Eckert

Die Berliner Schüler sollen im Unterricht mehr über die DDR-Diktatur erfahren. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) stellte gestern in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem früheren Stasi-Gefängnis, neue Unterrichtsmaterialien über politische Verfolgung in der DDR vor. Sie sollen Berlins Lehrer ermutigen, das offenbar vernachlässigte Thema stärker im Unterricht zu behandeln. Außerdem wird Bögers Senatsverwaltung halbe Stellen für zwei Lehrer finanzieren, die an der Gedenkstätte die Zusammenarbeit mit den Schulen koordinieren sollen.

Belege habe er zwar nicht, sagte Böger. Es sei aber zu vermuten, dass viele Pädagogen das Thema DDR mieden – aus dem Osten wie aus dem Westen. „Die einen tun sich schwer, weil es ja auch ihre eigene Vergangenheit ist.“ Und im Westen seien die meisten Lehrer in den Siebzigerjahren sozialisiert und hielten deshalb die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus für viel wichtiger. Der Rahmenlehrplan lasse den Pädagogen Freiräume. „Ich kann nichts anordnen, das wäre dann ja wieder wie früher“, sagte der Senator.

Schlimm wäre aber, wenn die DDR so schnell in Vergessenheit geriete. Die Schule könnte an ihrem Beispiel zeigen, dass „Menschenrechte nicht vom Himmel fallen“. Das Arbeitsmaterial hat das Lehrerinstitut für Schule und Medien (Lisum) erarbeitet. Darin befinden sich zum Beispiel Anregungen für einen Projekttag in der Gedenkstätte, bei dem die Schüler selbstständig die Geschichte des Gefängnisses erforschen können. Neu erschienen beim Lisum ist auch eine Sammlung mit Unterrichtsmaterial zum Aufstand des 17. Juni 1953.

Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, entdeckte allerdings auch Schwächen im Berliner Lehrplan, der zurzeit überarbeitet wird. Bisher werde die DDR zu sehr als Folgeerscheinung des Kalten Krieges, nicht aber als Unrechtssystem für sich betrachtet. Knabe zeichnete ein vernichtendes Bild dessen, was junge Leute heute noch über die DDR wüssten. Von Schule und Eltern würden sie kaum etwas erfahren, viele könnten schon mit Begriffen und Namen wie SED oder Erich Mielke nichts mehr anfangen. „Was bleibt? Im Fernsehen tritt Kati Witt im FDJ-Hemd auf, Filme wie ,Good bye, Lenin!‘ stellen die DDR als Ansammlung von Skurrilitäten dar.“

Die zwei halben Lehrerstellen plus eine weitere, die kommenden Jahres der Bund bezahlen wolle, seien daher schon einmal „ein riesiger Fortschritt“. Sie sollen Schülergruppen in der Gedenkstätte betreuen, Vorträge von Zeitzeugen vermitteln, neue Materialien für den Unterricht erarbeiten. Und über direkten Kontakt zu den Schulen Lehrer dazu bringen, Fortbildungsangebote im Lisum stärker zu nutzen.

Die Sammlung „Politische Verfolgung in der DDR“ gibt es beim LISUM, Storkower Straße 133 oder als Download unter www.lisum.de. Nicht-Pädagogen bekommen die Publikation auch in der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, An der Urania 4-10.

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