Berlin : Es wird wieder knapp

Tausende Jugendliche suchen noch einen Ausbildungsplatz. Betriebliche Praktika erhöhen ihre Chancen

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Said Medjidov hat es geschafft: Schon zu Beginn des Ausbildungsjahres konnte er seinen Vertrag unterschreiben. Anfang August hat er im Relexa Hotel Stuttgarter Hof als Azubi angefangen. „Der wird mal ein guter Hotelfachmann“, sagt Michael Stenner, der Direktor des Hauses, über seinen Neuzugang. Said lächelt verlegen, aber auch ein bisschen stolz. 34 Schüler sind in seinem Hauptschuljahrgang, aber nur fünf davon haben schon jetzt einen Ausbildungsplatz gefunden. „Die anderen sitzen zu Hause rum und machen nichts – oder sie gehen weiter zur Schule“, erzählt der 16Jährige.

Die Lage auf dem deutschen Ausbildungsmarkt bleibt stark angespannt. Im August suchten noch 195000 Jugendliche eine Lehrstelle, acht Prozent mehr als 2004, teilte die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Mittwoch mit. Zwischen Oktober 2004 und August 2005 wurden 427500 Ausbildungsplätze gemeldet, das waren elf Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Auch in Berlin bleibt die Lage schwierig. 26200 Lehrstellenbewerber zählte die Regionaldirektion der BA im August. Das sind 12,6 Prozent weniger als vor einem Jahr. Zugleich sank die Zahl der bis August gemeldeten Ausbildungsstellen um 19,2 Prozent. Rein rechnerisch gibt es der BA zufolge aktuell 8704 nicht vermittelte Bewerber. Sie stehen 2200 noch unbesetzten Stellen gegenüber.

„Besonders enttäuschend ist, dass die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze in Berlin gegenüber dem Vorjahr um 600 Stellen gesunken ist“, sagt Bernd Rissmann, stellvertretender DGB-Chef in Berlin-Brandenburg. 2004 hatte der neu gestartete Ausbildungspakt zwischen Bundesregierung und Wirtschaft noch zu vielen neuen Ausbildungsplätzen geführt.

Doch noch können Bewerber hoffen, eine Stelle zu finden. Viele Schulen helfen dabei. Die Carl-Friedrich-Zelter-Oberschule, auf die auch Said ging, setzt alles daran, ihren Schülern den Weg ins Berufsleben zu ebnen. Der Unternehmensberater Joachim Brunold hat ein Konzept für diese Schule entwickelt: Schon Siebtklässler erkunden Betriebe, machen Kurzpraktika und trainieren Vorstellungsgespräche. Aber warum bekommen trotz solcher Maßnahmen viele keinen Platz?

„Es ist einfach schwer, Leute zu finden, die sich gescheit ausdrücken können, ein sicheres Auftreten haben und gängige Umgangsformen beherrschen“, sagt Hoteldirektor Stenner. Solche Defizite scheinen auch ambitionierte Lehrer nicht wettmachen zu können. „Das Problem fängt im Elternhaus an. Dort werden grundlegende Werte und Verhaltensweisen nicht mehr vermittelt. In der Schule resignieren dann viele Lehrer bei dem Versuch, die Versäumnisse in der Erziehung auszugleichen“, meint er.

Der Hoteldirektor schildert ein seit langem beklagtes Problem: Es fehlt nicht an freien Stellen, sondern an Bewerbern, die überhaupt ausbildungsfähig sind.

An Saids Schule haben die Lehrer noch nicht aufgegeben. Die Carl-Friedrich-Zelter-Oberschule macht mit beim Projekt „Partnerschaft Schule-Betrieb“, das von der Industrie- und Handelskammer (IHK) ins Leben gerufen wurde. „Bislang konnten wir 120 Partnerschaften zwischen Berliner Schulen und Betrieben vermitteln“, sagt Anja Nußbaum von der IHK. „Es ist wichtig, dass Schüler erfahren, worauf es der Wirtschaft ankommt“, sagt sie. Deshalb fördert die IHK seit Jahren den Kontakt zwischen Schulen und Betrieben. In diesem Jahr sind aus diesem Projekt mehrere Ausbildungsverträge hervorgegangen. „Unser Hauptziel ist aber nicht die Vermittlung von Ausbildungsplätzen“, erklärt Nußbaum. Sie weiß aus Erfahrung, dass viele bei der Jobsuche zu früh das Handtuch werfen, weil sie sich keine Chancen ausrechnen. Alle Jugendlichen, die jetzt bei den Arbeitsagenturen gemeldet sind und noch keinen Platz haben, werden Anfang Oktober eingeladen, um sich für Restplätze zu bewerben. „Erfahrungsgemäß nehmen aber weniger als die Hälfte diese Chance wahr“, sagt Nußbaum.

„Wie viele Schulabgänger jetzt noch ohne Ausbildungsplatz sind, lässt sich anhand der Zahlen der Bundesagentur kaum sagen“, erklärt sie. „Zum einen werden dort auch Abiturienten erfasst, die auf einen Studienplatz warten – zum anderen melden sich viele nach dem Abschluss gar nicht arbeitssuchend.“ Die IHK verzeichnet allerdings eine leicht positive Entwicklung. „Es wurden bereits mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Jahr 2004“, so Nußbaum. Sie sieht die Schuld für die Misere nicht nur bei Eltern oder Lehrern: „Die Anforderungen in klassischen Ausbildungsberufen steigen“, sagt sie. „Berufe, die früher überwiegend handwerklich waren, erfordern heute höheres technisches Verständnis.“ Aber sie möchte dennoch Mut machen: „Es gibt noch freie Plätze – auch für dieses Jahr. Wer sich intensiv bemüht und arbeiten will, hat gute Chancen“, sagt Nußbaum.

Offenbar mangelt es gerade Hauptschülern an Selbstbewusstsein. „In meiner Klasse haben sich nur drei oder vier Leute ernsthaft mit ihrer Zukunft beschäftigt“, sagt Said. „Die anderen gehen davon aus, dass sie Sozialhilfe bekommen und nicht arbeiten werden.“ In seiner Klasse gebe es auch viele, die nicht richtig Deutsch könnten. „Deren Eltern leben seit 30 Jahren hier und sprechen nur Türkisch“, sagt Said. Seine Eltern kommen aus Aserbaidschan. „Meine Familie ist stolz auf mich. Sie reden schon darüber, dass ich eines Tages einen Ferrari fahren werde“, sagt er und lächelt.

Said weiß, was für ein Glück er hatte. „Ich bin meinem Lehrer dankbar, dass er mich so unterstützt hat“, sagt er. „Von alleine hätte ich mich nie getraut, mich in einem so eleganten Haus zu bewerben.“ Vielleicht fährt Said ja wirklich schon mit 18 den ersten Ferrari – wenn er den Wagen eines Hotelgastes parken darf.

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