Espiners Berlin : Die Kinder vom U-Bahnhof Weinmeisterstraße

Der Film "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" hat unseren Kolumnisten Mark Espiner ursprünglich mit Berlin bekannt gemacht. Jetzt hat er sich auf die Suche nach der heutigen Heroin-Szene gemacht.

Mark Espiner
Mark Espiner
Mark EspinerFoto: Thilo Rückeis

Vor Kurzem konnte ich Heroin nicht aus meinem Kopf bekommen. Zu Ihrem Verständnis, ich bin kein Abhängiger, aber es hat mich doch beschäftigt. Vor ein paar Wochen habe ich mir die Bühnenproduktion der Schaubühne von Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo angesehen. Es ist eine ungewöhnliche Produktion, nicht nur weil es den berühmten Film in ein Musical verwandelt, mit einem Astronauten darin. Abgesehen davon erzählt es die Geschichte, mit der wir sicher alle vertraut sind: die Selbstzerstörung einer Drogenabhängigen auf den Straßen Berlins.

Christiane F. war der Film, der mich ursprünglich mit Berlin bekannt gemacht hat. Es war der Vor-dem-Mauerfall-Heroin-Chic mit Bowie als Zusatz – was natürlich dann in England zu modischen Folgeerscheinungen geführt hat. Bevor ich hierher gezogen bin, habe ich mich nochmal an den Film erinnert und über Heroin und diese Stadt nachgedacht. Die beiden Dinge schienen für mich voneinander abzuhängen. Drogensüchtige Rockstars wie Nick Cave kamen in diese Stadt und Präsident Obama lenkte die Aufmerksamkeit auf diese Droge Berlins, als er im Jahr 2008 in den Tiergarten kam, um sich dort als neuer JFK des 21. Jahrhunderts zu positionieren. 

Aber die Sache, die Heroin tatsächlich in mein Blickfeld brachte, war nicht die Station Bahnhof Zoo, sondern die Haltestelle Weinmeisterstraße der Linie U8. Ich steige hier so gut wie jeden Morgen aus, um meine Tochter zum Kindergarten zu bringen. Um 9.30 Uhr bin ich normalerweise selbst ziemlich fixiert darauf, meine eigene Droge der Wahl, Koffein, zu bekommen und vielleicht ein Croissant dazu. Aber während ich die Treppen hochsteige, mit meiner Zweijährigen an der Hand, kochen andere bereits ein völlig anders geartetes Frühstücks auf. Anfangs war ich ganz erstaunt darüber, wie öffentlich das hier war. Ich habe in London noch nie Drogenmissbrauch in einer so offenen Art und Weise gesehen – abgesehen natürlich von den Totalbesäufnissen. Und ich war erstaunt darüber, wie wenig bedrohlich die Situation hier war, und wie sauber die Konsumenten ihre kleine Ecke hinterließen, nachdem sie fertig waren.

Ich hatte festgestellt, dass es die Straße runter von meinem Stammcafe ein weiteres Cafe gab, eines für Menschen mit Suchtproblemen, organisiert von der Caritas. Eines Morgens, als mir wieder die Frage durch den Kopf ging, warum ausgerechnet die Station Weinmeisterstraße die toleranteste Drogenzone außerhalb Amsterdams zu sein schien, entschloss ich mich, in dieses Cafe hineinzugehen und mit den Experten zu sprechen: die Leute, die es betreiben.

Es hatte eine wohnliche, einladende Atmosphäre. Die fünf oder mehr Tische waren voll besetzt mit Leuten, die einem sonst eher einen Becher auf der Strasse entgegenstrecken. Kekse und Kaffee wurden serviert von zwei warmherzigen, freundlichen Sozialarbeitern. Einer davon, Reno, teilt sich seine Zeit zwischen dem Vor-Ort-Angebot einer Zuflucht und Unterstützung für obdachlose Abhängige und seiner Straßenarbeit, bei der er nachsieht, ob alle ok sind. Der 47-jährige ehemalige Kunsterzieher wuchs in der DDR auf und arbeitet nun schon seit 11 Jahren hier. Es dreht sich nicht alles nur um Heroin, erzählt er mir. Die Menschen mit Suchtproblemen, mit denen er zu tun hat, sind meistens Alkoholiker, oder sie konsumieren eine Vielzahl verschiedener Drogen, abhängig davon, wieviel Geld sie gerade haben. Manche sind spielsüchtig. Und dann hat er mit den falschen Vorstellungen aufgeräumt, dass Berlin eine Art Heroinhauptstadt wäre. Einer der Abhängigen, denen er geholfen hat, kam aus Madrid, um der dortigen, viel schlimmeren Heroinszene zu entkommen, erzählt Reno. „Seiner Ansicht nach hatte Berlin wenig Drogen.“

Aber was ist nun mit der Weinmeisterstraße, frage ich. Warum geschieht dort alles so offen? Und warum dort? Die U8, so lerne ich schnell, ist die Hauptader des Berliner Drogenverkehrs. Sie verbindet Kreuzberg mit Wedding – Gegenden mit sozialschwacher Bevölkerung, teilweise mit Migrationshintergrund. Menschen, die leicht für das Drogengeschäft anfällig sind. Und die Dealer können sich schnell von Zug zu Zug bewegen, um der Polizei zu entkommen. Die Offenheit, sagt er, ist das Ergebnis der strategischen Bestrebungen der Polizei, die Drogenabhängigen nicht an andere Orte zu verdrängen, sondern das Problem einzudämmen und mit ihm umzugehen.

Ich fragte Reno, ob ich ihn auf einer seiner Straßenrunden begleiten könnte. Er stimmte zu. Der erste Stopp war Weinmeisterstrasse. Und da waren sie wieder, die mir schon bekannten Gesichter vom Morgen, nun am Nachmittag beim gleichen Ritual. Wir setzten uns dazu und redeten.

Sarah (Name geändert) ist 20 Jahre alt. Sie ist heroinabhängig seit ihrem 15. Lebensjahr. Sie konsumiert oft in der Station Weinmeisterstrasse. „Hier stresst uns niemand“, sagt sie, während sie die Droge, die sie gleich einnimmt, vorbereitet. „Wir räumen auf und machen keinen Dreck und gehen dann wieder!“ Ich frage sie, wie sie denn süchtig wurde und stelle aber fest, dass sie sich nun lieber auf das konzentriert, weswegen sie hier ist. Sie gibt mir ihre Handynummer und sagt, dass ich sie anrufen soll. Wir können uns treffen und uns unterhalten, sagt sie, wenn sie sich besser konzentrieren kann. Abende sind gut, am Ende des Tages, wenn sie nicht um Geld für Drogen betteln muss.   

Wir arrangierten einen Abend in einem Cafe am Alexanderplatz. Aber sie ist nicht entspannt. Sie ist hier mit einer Freundin, aber die beiden konnten zusammen nicht genügend Geld auftreiben um ausreichend Heroin zu kaufen. Es sind 10 Euro für eine „Kugel“ und sie braucht vier am Tag, sagt sie, „genug um mich normal zu fühlen“. Sie kann also jetzt nicht normal sein, denke ich, und als wir uns unterhalten, wird sie immer aufgewühlter. Sie erzählt mir, wie sie zum ersten Mal Heroin ausprobiert hat, wie sie von Zuhause weg ist, dass sie eine Krankenhausphobie hat, die es erschwert, von der Droge los zu kommen, wie sie manchmal ihre Mutter anruft, um ihr zu sagen, dass es ihr gut geht. 

„Ich möchte mit diesen Scheißdrogen aufhören“, sagt sie. Und sie versucht es, aber gibt zu, dass es sehr schwierig ist. Sie hat Hoffnungen und Träume: in London zu leben, mit ihrem Freund zusammen zu sein, ein Kind zu haben und einfach einen normalen Platz zum Leben. Normalerweise, sagt sie, würde sie ein Cafe wie dieses hier „wie ein Insekt“ rausschmeißen, aber jetzt ist es ok, weil sie mit mir zusammen ist, und sie lacht über die Ironie, dass ihr sogar Kuchen von der Bedienung angeboten wird, umsonst, weil er morgen nicht mehr frisch genug sein wird. 

Sie erzählt mir, wie sie von den Dealern angerufen und belästigt wird, und dass sie beim Kauf der Drogen manchmal neben schick gekleideten Businessleuten steht, die das Gleiche tun, oft in der U8. Sie erinnert sich auch daran, wie sie einmal Christiane F. traf, als sie beide Heroin kauften. „Sie war seltsam im Kopf“, sagt sie. „Sie sagte ständig, seid nicht gestresst, und hat sich permanent Make-Up aufgetragen.“

Und sie erinnert sich, dass es das Buch von Christiane F. war, mit dem alles anfing. „Es hieß im Buch, dass Heroin einem dieses Gefühl gibt“, sagt sie. „Etwas ganz Besonderes, nicht zu vergleichen. Und ich wollte dieses Gefühl einmal in meinem Leben haben ...“ Dann war sie schon abhängig.  

Sie war nie eine Prostituierte, sagt sie. Aber als sie immer fahriger wird, sorge ich mich, dass dies vielleicht der nächste Schritt für sie sein wird. Als ob sie meine Gedanken lesen könnte, sagt sie, dass sie nicht wüßte, was sie als nächstes machen würde, weil sie unbedingt Geld braucht. Sollte ich ihr Geld geben, frage ich mich? Würden Sie?

Was ist es, das jemanden wie Sarah in diese Falle laufen lässt? Und wie könnte man entkommen? Reno wusste darauf keine Antwort, aber er erklärte, warum er nach elf Jahren in seinem Job immer noch versucht zu helfen: „Wenn es mir gelingt, den Leuten ein Ziel zu geben, irgendeines, dann haben sie weniger Grund, sich von dieser Welt zu verabschieden mittels Drogen. Das ist wichtig für mich.“

Ich verabschiedete mich von Sarah und sah sie und ihre Freundin über den Platz laufen. Sie wurden von einer Gruppe Jungs angesprochen. Sie schickten sie weg, aber wurden dann doch wieder eingeholt, und die beiden jungen Frauen entschieden sich dann, mit der Gruppe mitzugehen. 

Christiane F. ist immer noch an der Schaubühne zu sehen, falls Sie Interesse haben, und es hat die zusätzliche Pikanterie, dass es auf einer Bühne spielt, die nur einen Steinwurf von dem echten, damaligen Schauplatz entfernt ist. Aber in Wirklichkeit findet diese Geschichte überall um uns herum statt und für die, die in diesem Drama gefangen sind, ist es alles andere als ein Theaterstück. 


Sie können Mark Espiner emailen unter mark@espiner.com und ihm auf Twitter folgen @deutschmarkuk.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

9 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben