Espiners Berlin : Von Karl Marx und Open-Air-Geschichte

Der britische Wahlberliner Mark Espiner erkundet Berlin - mit Hilfe seiner Leser. Diesmal: Was die Lange Nacht der Museen mit Karl Marx zu tun hat.

Blick in die neue Heimat. Der Brite Mark Espiner erkundet Berlin.
Blick in die neue Heimat. Der Brite Mark Espiner erkundet Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Als ich letzten Samstag über den Alexanderplatz lief, auf dem Weg zur Nacht der Langen Museen, wie ich es fälschlicherweise nannte, unterbrach Karl Marx meine Gedanken.

Ich grübelte darüber, dass Berlin dieses Wochenende Welten davon entfernt war von dem, was gerade in London geschah. Während Notting Hill sich in einem Ausbruch hedonistischer Popkultur für Europas größte Straßenparty rüstete, machte Mitte sich im Gegensatz fertig, um als Drehkreuz für eine hochkulturelle Tour durch die vielen Museen dieser Stadt zu fungieren. Das natürlich nur, wenn man das Currywurst Museum als hohe Kultur betrachtet, was ich tue. Als ich mich selbst dazu beglückwünschte, alle Vorzüge des Ticketpreises, der einem mehr Museumseuphorie für weniger Euro gibt, clever nutzen zu können, anstatt für jedes Museum Eintritt zu bezahlen (worüber ich mich schon zuvor beschwert habe), war ich ganz betroffen von dem verloren wirkenden Karl.

Karl und ich waren Nachbarn in London. Und wir waren es wieder in Berlin. Er sah hier ebenso ernsthaft und niedergeschlagen aus, wie damals, als ich ihn auf dem Highgate Cemetry besuchte. In Berlin steht im allerdings sein Kamerad Engels zur moralischen Unterstützung zur Seite.

Die abgeschabten Flächen auf seinem Knie, auf dem Tausende schon saßen, lassen vermuten, dass er sehr beliebt ist. Oder vielleicht auch nicht. Mir wurde klar, warum er so betrübt war. Er war im Begriff umzuziehen. Während man, natürlich außer Hörweite der Stasi (wenn das überhaupt möglich war), vor 1989 scherzte, dass diese beiden Typen Pensionäre wären, die auf ihren Koffern sitzend nur darauf warteten, in den Westen zu emigrieren, werden sie nun wirklich umgesiedelt. Verbannt von ihrem zentralen Bühnenplatz, von dem sie zum monolithischen Fernsehturm hochschauen konnten, werden sie kommende Woche hochgehoben und an den Rand des Platzes versetzt, um Raum für den U-Bahn-Bau zu schaffen.

Ich denke, es gibt wohl einen guten Grund für den Umzug. Aber trotzdem wurde hier, so realisierte ich, eine Spur von Berlins unpopulärer Vergangenheit unter den Teppich gekehrt. Karl Marx, der - gemessen an seiner Wirkung mit Mohammed und Jesus verglichen werden dessen Ideologie im 20. Jahrhundert eine so große Rolle gespielt hat, schien mir mit dieser Geste auf stalinistische Art und Weise, aus der Geschichte dieser Stadt wegretuschiert zu werden. Natürlich gibt es die Straßen, Plätze und U-Bahn-Stationen, die nach ihm benannt sind. Aber diese Statue, eine Ikone der DDR-Vergangenheit, ist sicherlich ein nationales Denkmal. Nun wird er versetzt, mit seinem Blick fixiert auf den leeren Platz, der einst der Palast der Republik war.

Das ist das andere Beispiel. Dieser Ort, der die Erinnerungen einer ganzen Generation beherbergte – der erste Tanz, der erste Kuss – wurde wegen Asbests aus dem Stadtplan entfernt. Dabei haben doch immer noch so viele Gebäude im Westen dasselbe Problem, wurde mir gesagt, ohne dasselbe Schicksal zu erleiden. Ist dies selektive Demolierung?

Mehr als anderswo erwecken in dieser Stadt Architektur und Straßen bestimmte Resonanzen und Bedeutungen. Vergesst die eigentlichen Museen, es sind die Straßen, Statuen, Gebäude, die Berlin zu einer Open-Air-Geschichtsstunde werden lassen. Wenn man also damit beginnt, die einzelnen Stücke zu verschieben oder sie wegzusperren oder zu zerstören, dann spielt man mit der Interpretation der Geschichte. Man schreibt sie sogar neu.

Die russische Regierung stellte sicher, dass manche seiner Denkmäler in Berlin geschützt wurden, als Teil des Wiedervereinigungsabkommen. Sie sind unantastbar. Nicht so Marx und Engels. Im Versuch die Stadt neu zu erfinden, scheint es, als ob manche Leute unliebsame Teile der Vergangenheit einfach repositionieren oder ganz los werden wollen. Dabei zeigen sie einer sehr kurzsichtige und möglicherweise unsensible Sicht der Dinge.

Ironischerweise könnte in einer Welt nach der Wirtschaftskrise, in der Kapitalismus nun in Frage gestellt wird, Marxs Zeit wieder im Kommen sein - gerade zu einem Zeitpunkt, an dem er in der Stadt, die ihm und seinen Ideen zum Aufstieg verhalf, marginalisiert wird. Wie um dies zu beweisen, hat jemand an den Bauzaun geschrieben: „Man kann die Statuen wegbewegen, aber die Ideen bleiben.“ Sie schrieben es auf Englisch.

Ich bin übrigens kein Marxist, nur Mark, Karl‘s Nachbar.

Sie können Ihre Vorschläge an Mark Espiner emailen unter mark@espiner.com oder ihm auf Twitter folgen @deutschmarkuk.

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