Berlin : Esther und die singende Dame

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Kleine Geschichten von oder über Menschen, die auf den Arzt warten, die stehen hier jeden Montag. Heute: unsere Autorin Esther Kogelboom bei der Allgemeinärztin in Friedrichshain.

Eigentlich geh’ ich nie zum Arzt. Aber neulich hatte ich eine Blasenentzündung und brauchte Antibiotika. Bei Regen schleppte ich mich in die Praxis einer Allgemeinärztin. Schleppte mich dorthin, wo Friedrichshain fast Lichtenberg ist. Eine Stunde Wartezeit, in der ich zwölf Mal unter größten Schmerzen pinkeln musste. Mit jedem Mal wurde es schlimmer. Ich kam mir sehr alt vor und fand das Warten nur schwer erträglich – bis ich eine alte Dame kennen lernte. Klein war sie, trug einen grünen Rock und eine bunte Bluse. Ihre Haut war mit braunen, behaarten Flecken übersät. Sie blätterte ein Bilderbuch durch, während sie hin und her ging und von ihrem Enkel erzählte, dem sie zu Weihnachten ein ähnliches Bilderbuch nach Erfurt geschickt hatte. „Seine Eltern haben sich aber nicht gemeldet“, sagte sie. Dann sang sie: „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg, die Mutter ist im Pommernland, Pommernland ist abgebrannt.“ Dann sagte sie in meine Richtung: „Ach, kieke mal, die Kleene hat’s am Bläschen.“ Sie hatte eine hohe, zarte Stimme. Ich hatte Fieber. Außer uns warteten noch ein paar andere Menschen auf Frau Doktor. Sie beachteten weder die alte Frau noch mich. Frau Doktor hat mich dann auch nicht wirklich beachtet. Ihre Diagnose: HoneymoonDesease – Flitterwochen-Stress. Kann nicht sein.

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