Berlin : Eszter Szabó (Geb. 1965)

Was will die Musik letztlich, was wollte Orpheus, der Sänger?

Gregor Eisenhauer

Der Tod und das Mädchen.“ Wann sie sich das erste Mal begegnet sind, damals in Budapest? Früh, sehr früh. Als sie fünf Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Eine der Masken des Todes: Abschied. Sie nahm es hin, scheinbar ungerührt, mit sieben war sie zur Selbstständigkeit entschlossen, mit sechzehn zog sie bei der Mutter aus.

„Wenn das Herz denken könnte, stünde es still.“ Einer der vielen Sätze des Dichters Pessoa, die sie spät fand, aber früh lebte. Eszter wappnete sich mit einer unerschütterlichen Neugier, sie tanzte Ballett, spielte Cello, studierte Musik und die Kunst der Chorleitung. Sie hätte innehalten können. Aber was will die Musik letztlich, was wollte Orpheus, der Sänger, als er seinen Gang in den Hades antrat? Eurydike dem Tod entreißen.

Die Musik führte sie nach Wien, zur Philosophie, zur Religionsgeschichte, und zu der infamen Paradoxie des Intellekts: Den Tod kann man sehen in den Bildern Goyas, hören in der Musik Schuberts, fühlen in den Versen Rückerts, denken kann man ihn nicht. Deshalb ist alle Philosophie, die etwas auf sich hält, moribund, dem Tode verpflichtet, ohne dass sie ihm gewachsen wäre.

Davon ließ sie sich nicht entmutigen, im Gegenteil, sie versuchte ihm von allen Seiten beizukommen. Eszter schrieb sich in der Filmhochschule Frankfurt ein. Dort wurde Film verstanden als reine Kunstform, Experimentalfilme zum Lobe des Regisseurs. Sie drehte dokumentarische Filme, einen szenischen Kanon über behinderte Menschen, die sie neben dem Studium pflegte, über kranke, todgeweihte Menschen. Kunst ist uns gegeben, um die Wahrheit zu ertragen – das sahen die Lehrenden anders, sie flog von der Schule. Immer wieder Pessoa: „Jene mangelnde Übereinstimmung mit anderen, die ich immer wieder so stark empfinde, erklärt sich wohl damit, dass die meisten mit ihren Gefühlen denken, während ich mit meinem Denken fühle.“

Ihr Bruder war nach Australien ausgewandert, sie besuchte ihn, wurde auf das Schicksal der Aborigines aufmerksam. Eszter Szabó war tief gläubig, und empfand die Schuld derer, die im Namen des Heils missioniert hatten, um so brennender. Sie lebte monatelang mit den Aborigines zusammen, drehte einen Film über deren erzwungene Entwurzelung. Sie, die weiße Frau, notdürftig beschützt von eingeborenen Leibwächtern, immer in Gefahr, aus später Rache vergewaltigt zu werden. Ein Danse Macabre, dem sie glücklich entkam. Und sie wahrte ihren Stil selbst dort, wirkte im tiefsten Busch, als käme sie geradewegs aus dem Caféhaus.

Es gibt Zahlen und Primzahlen, es gibt Menschen und Menschen, die ihresgleichen suchen: Woody Allen, auch einer, der dem Tod auf den Fersen blieb, oder der Tod ihm. Eszter Szabó inszenierte Allens „Death knocks“, ein Stück, in dem der Tod scheinbar mit sich handeln lässt, wie so oft im Märchen, um dann nur um so unerbittlicher aufzutrumpfen.

Sie führte György Kurtàgs „Kafka Fragmente“ in der Frauenhaftanstalt Plötzensee auf, plante eine Orpheus-Inszenierung, in der Hip-Hop und Klassik zusammentönen, brachte hemdsärmelig Schwierigstes zur Anschauung: Als es galt, bei einer Aufführung venezianische Lagunen szenisch zu vergegenwärtigen, tat sie es, indem sie dem gesamten Orchester blaue Badekappen aufsetzte. Pragmatische Synästhesien.

Der Tod ist ein großer Verführer, denn er lässt glauben, dass sich hinter all seinen Masken ein wahres Gesicht verberge. Blendwerk unseres Bedürfnisses nach Trost, vielleicht, aber allein ihre unerschöpfliche Neugier schien Eszter Garantie genug, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Ihr Bett war umlagert von Bücherwällen, die man übersteigen musste, wollte man ihr nahekommen. Sie hat sich nie gehen lassen, mied alle Exzesse, vertraute nur ihrem Verstand, nie dem künstlich erzeugten Wahn. Und die Liebe zählte sie wohl auch unter die Wahnerscheinungen oder die gemäßigten Geisteskrankheiten. Wie alle Kopfmenschen hatte sie eine gewisse Scheu, sich zu verlieren in einem Gefühl, das so viel Tumult und so wenig Erkenntnis bringt. Und dann passierte es doch, dass etwas Neues in ihr Leben trat, etwas, das ihr ein wenig unheimlich war, ihr, der stets in der Reflexion sich Befindenden. Und wie alle Kopfmenschen, die in Sachen Liebe plötzlich aufs gleiche Glatteis geführt werden wie die Esel der Emotion, musste sie lächeln über sich selbst. Und ergab sich doch gern dem Gefühl.

Kaum fünf Wochen blieben ihr, als der Gehirntumor diagnostiziert wurde. Eine Nacht weinte sie, die restlichen Tage brachte sie damit zu, Freunde und Familie zu trösten, und jene Bilder und Bücher in Erinnerung zu bringen, die sie besonders liebte. Und immer wieder Worte Pessoas: „Dem Baron fehlten im Leben nicht nur ein abgeschlossenes schriftstellerisch-philosophisches Werk, sexuelle Eroberungen, die Mutter und das linke Bein, ihm fehlte auch der Sinn für Humor.“ Daran mangelte es ihr nicht. Sie war bis zuletzt furchtlos und voller Neugier. „Den Tod erwartend, wie einer, der ihn kennt.“ Gregor Eisenhauer

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