"Et kütt, wie et kütt" : Das Karnevals-Zentrum am Schiffbauerdamm

Mit dem Start der Karnevalssaison beginnt auch in der „StäV“ die fünfte Jahreszeit. Vor 15 Jahren wurde sie als Zufluchtsort für Exil-Rheinländer eröffnet, doch längst ist sie weit mehr.

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Meine Streifen, deine Streifen. Auch für eine Weiberfastnacht ist das StäV der passende Ort.
Meine Streifen, deine Streifen. Auch für eine Weiberfastnacht ist das StäV der passende Ort.Foto: Peter Meissner

Das karnevalistische Zentrum Ostdeutschlands liegt natürlich, tärää, am Schiffbauerdamm. Dort haben kürzlich die eingeborenen Berliner Narren die Kneipe namens „Berliner Republik“ zu ihrem Hauptquartier ernannt – aber was heißt das schon? Selbst wer Bier und Likörchen bis obenhin getankt hat, der wird die paar Schritte ins Lokal gleich nebenan schaffen, die „StäV“, auch „Ständige Vertretung des Rheinlandes“, in der der Berliner Karneval praktisch erst richtig erfunden wurde.

Heute ist der 11. November, und es geht wieder los, in beiden Kneipen. Die StäV allerdings, überlebensgroß, wie sie nun mal ist, hat den Anstich der fünften Jahreszeit in die Kulturbrauerei verlegt, so viel Platz muss sein, doch das nimmt der Institution natürlich nichts von ihrer Bedeutung. 15 Jahre ist es jetzt ziemlich genau her, dass Friedel Drautzburg und Harald Grunert, vom Hauptstadtbeschluss des Parlaments frustriert, nach Berlin kamen, um hier fortzusetzen, was sie in Bonn begonnen hatten: politikbegleitende Gastronomie.

Doch, so nennen sie das. Jeder kann es nachschlagen, beispielsweise in den Unterlagen für Franchise-Nehmer, die sich mit dem durchschlagenden Erfolgskonzept in deutschen Großstädten selbstständig machen können, „kommunikative, kölsche Offenheit“ vorausgesetzt. Was aus egozentrischer Berliner Perspektive kaum sichtbar wird: Je eine „StäV“ gibt es längst auch in Sylt, Hamburg, Bremen, Hannover – und Köln, womit gewissermaßen der Re-Import des Grundgedankens in die Rheinebene begonnen hat, die Vertretung der Vertretung sozusagen. Das nächste, siebente Projekt kennt jeder, es soll auf dem neuen Flughafen Schönefeld installiert werden.

Das übrigens warten Drautzburg und Grunert ganz gelassen ab, weil sie sich persönlich rausgehalten haben: Die Lizenz hat der spezialisierte Großgastronomiebetrieb Wöllhaf erworben, und so trägt er die Kosten, das ist praktisch. Wie auch immer: Schon im vergangenen Jahr lagen die StäVs mit 9,4 Millionen Euro Umsatz auf Platz 138 der deutschen Gastronomieunternehmen, und da sind Größen wie die Sylter Sansibar oder das Münchener Hofbräuhaus durchaus schon in Sichtweite. Bei der Kölner Gaffel-Brauerei sind sie eine große Nummer; nicht ganz vorn, da ist noch das Müngersdorfer Stadion, aber man muss sich ja Ziele setzen.

Oh, dieses Wachstum birgt Gefahren, die kölsche Nestwärme zischt manchmal so richtig raus aus der Kneipe, wenn die Touristen drängeln. Aber Drautzburg kann sich bei diesem Thema richtig aufregen: „Ich werde richtig wütend, wenn ich höre, das sei ein Lokal, in dem die Scheiß-Touris verkehren“, sagt er, „denn von denen lebt die Stadt doch nun mal.“ Als kürzlich das 15. Jubiläum anstand, mussten Touris allerdings draußen bleiben, dafür kam der Berliner Kardinal Woelki, auch ein versprengter Rheinischer. „Das war ein ganz katholischer Abend“, sagt Grunert.

Katholisch wie viele Abende zuvor, ließe sich ergänzen. Beispielsweise jener Karnevalsbeginn, der von den Anwohnern per Gerichtsbeschluss in der Lautstärke so limitiert worden war, dass Grunert kreativ werden musste. Er erfand den „lautlosen Karneval“ mit Kopfhörern für jeden Gast. War nicht so kommunikativ, zugegeben, aber dafür hatten sie das Interesse der Massen, die sich vor den Fenstern herumdrückten und den kölschen Bekloppten beim Feiern zusahen. Wo liegt das Geheimnis, Herr Grunert? „Essen und Trinken gibt es überall, aber die StäV ist nicht so gesichtslos.“ 

Frohnaturen. StäV-Gründer Harald Grunert und Friedel Drautzburg (re.).
Frohnaturen. StäV-Gründer Harald Grunert und Friedel Drautzburg (re.).Foto: Frank Ossenbrink

Dazu gehört, dass auch immer wieder Prominente ihr Gesicht geben. Woelki ist da beileibe nicht der einzige, irgendwie waren alle mal da, aus der Bundestags-Liga und ihren Satelliten-Einrichtungen vor allem. Aber die rheinische Crowd ist auch weitergezogen, viele neue Promi-Lokale wollen gefüllt sein, das ist nun mal so. „Viele, die mit Politik und Lebensfreude schon in Bonn aufgewachsen sind, kennen uns“, texten Drautzburg und Grunert, „das ist aber nicht so wichtig, denn wir kennen lieber Sie.“ Oder, in den knappen Worten von Artikel 2 des Rheinischen Grundgesetzes: „Et kütt wie et kütt.“

Zum Gesicht einer anständigen Ständigen Vertretung gehört das Politikbegleitende dennoch. Wer ins Geschäftsmodell einsteigen will, dem versprechen die Erfinder „Bereitstellung politisch-kultureller Exponate und Schaffung eines politischen Ambientes“, na bitte, da sind offenbar noch reichlich Devotionalien vorhanden, das Modell bleibt ausbaufähig.

Wie geht es weiter? „Et hätt noch immer jot jejange“, danke, das war Artikel 3. Also wird in Schönefeld irgendwann das Kölsch in die ersten Gläser rinnen, und dann ist die „StäV“ verkehrstechnisch reif für den internationalen Auftritt, der nach dem Prinzip „Ach, wie es sich ergibt“ vorbereitet wird. Brüssel zum Beispiel, sagt Grunert, das wäre mal was. Dort drüben gibt es in der Tat noch ziemlich viel Politik zum Begleiten.

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