Berlin : Etappensieg für Artur Brauner im Berliner Kinokrieg

MATTHIAS OLOEW

BVV Prenzlauer Berg kippt eigenen Beschluß zum Multiplex / Düpierte TLG stoppt Bauarbeiten zur Sanierung der Schultheiss-BrauereiVON MATTHIAS OLOEW BERLIN.17 Monate umsonst geplant: Die Bezirksverordneten von Prenzlauer Berg wollen nun doch kein Multiplexkino in der ehemaligen Schultheiss-Brauerei.Das Bebauungsplanverfahren wurde gestoppt, die Bauarbeiten zur Sanierung der denkmalgeschützten Brauerei sofort abgebrochen.Nun drohen dem Bezirk millionenschwere Schadensersatzansprüche.Artur Brauner freute sich über diese "goldrichtige Entscheidung"; mit dem Kino in der Brauerei hätte der Bezirk statt "eines gesunden Kinos zwei Kino-Krücken" erhalten.Thilo Sarrazin, Geschäftsführer der Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) reagierte mit Kritik: Die Entwicklung sei "nicht nachvollziehbar". Es war eine konfuse BVV.Die Sondersitzung war am Mittwochabend auf Antrag der SPD-Fraktion einberufen worden, um grünes Licht für die Bauarbeiten in der ehemaligen Schultheiss-Brauerei zu geben.Doch dazu kam es nicht.Stattdessen nahmen die Verordneten mit der knappen Mehrheit von 20 gegen 19 Stimmen einen Antrag der Bündnis-Fraktion an, in dem es heißt: "Die Bezirksverodnetenversammlung hält die Ansiedlung eines Großkinos für falsch." Damit war die Begründung für einen Bebauungsplan hinfällig, den Baustadträtin Dorothee Dubrau erstellen wollte, um das Kino planungsrechtlich auf den Weg zu bringen.Aus der Bauverwaltung hieß es, es bestehe kein Anlaß, das Verfahren an sich zu ziehen. Zum ersten Mal in Deutschland hat sich eine Stadtverwaltung damit gegen ein Multiplexkino ausgesprochen, um die Struktur der Nachbarschaft zu erhalten und eine Konkurrenz zu einem anderen Multiplexkino auszuschließen.Denn das "Colosseum-Cinemaxx", das in der kommenden Woche seine Türen öffnet, liegt nur knapp tausend Meter von dem Kinostandort in der Brauerei entfernt.Zu wenig, befand Filmproduzent Brauner und appellierte mit eindringlichen Worten an die Bezirkspolitiker, in letzter Minute das neue Kino zu verhindern. Das Pikante daran ist der Zeitpunkt.Die Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG) plante rund zwei Monate an der Sanierung des denkmalgeschützen Areals.Vorgesehen war, neben einem Kino mit 1800 Sitzplätzen in acht Sälen auch eine Kabarett-Bühne, eine Markthalle, eine Tanzgaststätte sowie Büros, Ateliers und Ausstellungsflächen unterzubringen.Außerdem sollte die "Kulturbrauerei GmbH" mit ihrer niedrigen Miete weiterhin in dem Komplex bleiben.Immer war den Planern signalisiert worden, es gebe keine Bedenken gegen die Nutzung: Die sogenannte materielle Planreife - also der vorzeitige Abschluß des Bebauungsplanverfahrens und damit die Genehmigung für die Bauarbeiten - sei noch im Jahr 1997 zu erreichen. Die Crux liegt im komplizierten Planungsrecht.Während es aus Sicht der TLG und der Senatsbauverwaltung möglich gewesen wäre, das Kino auch ohne den Bebauungsplan nach Paragraph 34 des Baugesetzbuches zu genehmigen, bestand Dorothee Dubrau auf dem Bebauungsplan.Sie war der Meinung, Kino und Tanzgaststätte seien nur so zu realisieren.Dem widersprach die Bauverwaltung gestern.Sie dementierte die Darstellung der Baustadträtin, der Bebauungsplan habe bereits mehrmals vorgelegen.Es hieß, Frau Dubrau sei am 4.Dezember mit der Bitte um Beratung an den Senat herangetreten, der dann seine rechtliche Bedenken an dem vorgelegten Entwurf geäußert habe.So kam es zur Verzögerung, die schließlich in die Debatte der BVV von Mittwochabend mündete. Die TLG-Projektentwickler Jochen Reiter und Margit Holtfoth fühlten sich von der Baustadträtin getäuscht.Die TLG will nun rechtliche Schritte prüfen, um eventuell Schadensersatzansprüche gegen den Bezirk geltend zu machen.Das könnte teuer werden.Denn die gesamte Sanierung des Areals war mit 100 Millionen Mark veranschlagt, rund 70 Prozent der Fläche waren nach TLG-Angaben bereits vermietet. Nicht nur Artur Brauner freute sich.Thomas Schulz, der Sprecher der Filmförderungsanstalt, erklärte, die Entwicklung sei "in jeder Form und Weise zu begrüßen".Schließlich könne sich Berlin keine Investitionsruinen leisten, der "Multiplex-Wildwuchs" könne die "erfreuliche Entwicklung" des Kinobesuchs in Berlin mit steigenden Besucherzahlen nur konterkarieren.Zurückhaltender zeigte sich Michael Neher, Sprecher der Flebbe/Stella-Gruppe, die das "Colosseum" betreibt: "Hoffentlich ist diese Entscheidung ein Signal, den unsinnigen Kinokrieg in Berlin zu beenden." Wie berichtet, sind in Berlin bis zu 30 Standorte für Großkinos im Gespräch.Während in Hamburg und München die Planung zentral gesteuert wird, entscheiden in Berlin die 23 Bezirksämter über die Genehmigung von Multiplexkinos.Als Betreiber des Kinos in der ehemaligen Schultheiss-Brauerei war die Firma Warner Brothers vorgesehen, die als Teil eines Großkonzerns alle Zweige von der Filmproduktion bis zum Abspiel in einer Hand veringt.Die Flebbe/Stella Gruppe aus Hamburg ist Marktführer für Multiplexkinos in Deutschland. Kommentar Zuviel verlangtVON MATTHIAS OLOEW Sie haben es schon schwer, unsere Feierabendpolitiker.Da sitzen sie den lieben langen Tag im Büro, um sich abends - in ihrer Freizeit - den Kopf darüber zu zerbrechen, wie das Schicksal der Stadt oder des Bezirks aussieht.Und da sind sie natürlich ziemlich abgespannt, wenn sie denn in den Ausschüssen tagen oder in der BVV beraten.Zuviel verlangt, wenn jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, was in den Debatten gesprochen wird? Zuviel verlangt, daß sie sich ihre Entscheidungen auch wirklich gut überlegt haben? Die BVV Prenzlauer Berg hat Nein gesagt.Das tut sie öfter.Vor 17 Monaten hat sie zum gleichen Thema aber ja gesagt.Auch das tut die BVV öfter.Selten aber hat ihr Hin und Her so weitreichende Konsequenzen wie bei der Sanierung der ehemaligen Schultheiss-Brauerei, in dem die Kulturbrauerei untergebracht ist.Die TLG fühlt sich getäuscht, schmollt und droht mit rechtlichen Konsequenzen.Alles das läßt die Bezirksverordneten in Prenzlauer Berg unbeeindruckt.Die Bündnis-Fraktion sieht gar "Platz für neue Planungen".Fragt sich nur, wer die bezahlen soll. Es hat immer viel Kritik gegeben, an dem Kino in der Schultheiss-Brauerei.Die Warnrufe waren nicht zu überhören.Vor allem an dem Pächter des Kinos, den Warner-Brothers, stießen sich die Kritiker.Die Verordneten kamen nicht ins Grübeln.Erst als die Konkurrenten, Artur Brauner und die "Colosseum"-Betreiber, so laut trommelten, daß auch die BVV es schallen hörte, haben sie nachgedacht.Zu spät.Denn die Bauarbeiter stehen in den Startlöchern, und die Verordneten setzen sich wieder.Frühzeitig nachdenken war wohl zuviel verlangt.

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