Berlin : Etchika Werner (Geb. 1937)

Dekor ist eine Zuflucht für zaghafte Herzen.

Gregor Eisenhauer

Interieur ist nicht selten der Sammelbegriff für all das, was Puristen schleunigst aus Wohnräumen entfernt sehen möchten: Porzellangeparden an Perlenleinen, Empire-Vasen aus vietnamesischer Produktion, russische Ikonen, made in China.

Es gibt in den wohlhabenden Kreisen so viel schlechten Geschmack, dass weltweit eine prosperierende Industrie davon profitiert.

Aber die Kunst, Wohnräume einzurichten, ist tatsächlich eine Kunst – was den wenigsten auffällt, sei es, weil sie selbst Künstler zu sein glauben, oder sie es sich einfach nicht leisten können, einen Künstler zu beauftragen. Oder eine Künstlerin wie Etchika Werner. Inneneinrichtung, so wie sie es verstand, ist die Gabe, die Inneneinrichterin hinter den Dingen verschwinden zu lassen. Sie inszenierte Wohn-Tableaus, in denen sie mit wertvollen Stoffen, ausgesuchtem Mobiliar, handverlesenem Kunsthandwerk trotz aller vom Kunden geforderten Opulenz eine anheimelnde Stimmung schuf – denn an allen Dingen hing ihr Herz.

Ihre Einkaufsfahrten führten sie nach England, Italien, Mexiko – ausgefallene Stoffe, Lampen, Skulpturen, Handwerk, dem jahrhundertealtes Können anzusehen war.

Was sie nicht fand, entwarf sie selbst und setzte so ihre eigenen Akzente.

Dekor ist eine wunderbare Zuflucht für zaghafte Herzen, und ein wenig war sie immer noch das einsame Kind von damals.

Ihr Kleidungsstil hingegen verriet durchaus den Willen, visuell Ausrufezeichen zu setzen – sie konnte sich das leisten, Aufmerksamkeit zu erregen, denn Etchika Werner war eine wunderschöne Frau.

Eigentlich hieß sie Erika. In München kam sie zur Welt, an Silvester, nicht zur Freude des Vaters, der die Familie bald darauf verließ, auch nicht zur Freude der Mutter, die ihr wenig Liebe entgegenbrachte. Nur drei Jahre durfte sie auf die Schule, dann wurde sie in die Lehre gegeben, Schneiderei. Sie fand Anstellung in einem namhaften Frankfurter Modesalon, wo sie alsbald zur Direktrice aufstieg. Aus dem Aschenputtel Erika wurde dank ihres Talents die Prinzessin Etchika, die an der Seite ihres Prinzen Carlos, der eigentlich Schauspieler war, Berlin eroberte.

Etchika gab ihren Beruf auf, managte die Karriere ihres Mannes, kümmerte sich um die Einrichtung der Wohnungen und später des gemeinsamen Hauses. Freunde fanden Gefallen an ihrem Stil, gaben erste Aufträge, förderten ihren Mut zur Selbstständigkeit.

Das Ende der Ehe war der Beginn des kleinen, zuletzt ungemein erfolgreichen Unternehmens „Etchika Werner Einrichtungen“.

Ihr Lohn, Krönung dieses Märchens von der tapferen Schneiderin, war ihr eigenes Schloss in Preußens Arkadien, ein großzügiges Haus in der Schwanenallee, am Ufer des Jungfernsees, Schritte nur entfernt vom Eingang in den Neuen Garten, den sie so liebte.

Die erste Etage nahm sie in Besitz, richtete sie ein nach ihrem ganz eigenen Geschmack: chinoises Porzellanzimmer, holzgetäfelte Bibliothek, goldener Salon, ein Schlafgemach mit Baldachin-Bett, würdig, das Landhaus einer Königin zu zieren – alles in allem ihr Meisterstück.

Der Traum war im Werden, schon konnte sie sich häuslich darin einrichten, auch wenn es noch ein, zwei Jahre dauern würde, ihn zu vollenden. Doch was hieß das schon – sie würde sich ja noch Jahre, Jahrzehnte mit ihren Freunden daran erfreuen können, da war sie sich selbst, da waren sich alle sicher.

Sie war kerngesund, würde 100 werden, auch wenn ihre Horoskope, die sie sich in allen Fragen des Lebens täglich, zuweilen stündlich stellte, darüber schwiegen. Zu ihrem Glück. Denn ihr Traum erfüllte sich nicht ganz und wird weiter geträumt. So bescheiden Erika Werner die Bühne des Lebens betreten hatte, so still ging sie. Herztod mitten in der Nacht, durch horoskopische Hellseherei schlechterdings nicht vorherzusehen. Gregor Eisenhauer

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