Berlin : Ethik ist Pflicht

Lange wollte Berlin keinen Werteunterricht – jetzt kommt er

Susanne Vieth-Entus

Ein Berliner Sonderweg geht zu Ende. In der alten Bundesrepublik glaubten nur Berlin und Bremen, ohne ein Pflichtfach zur Religions- und Wertevermittlung auskommen zu können. Jetzt besinnen sich die Berliner Sozialdemokraten auf die alte Forderung der CDU, alle Schüler in Fragen der Ethik und Philosophie zu unterrichten und alternativ eine Glaubensunterweisung zuzulassen.

Der Anlass ist offenkundig: Die Beschwerden von Lehrern und Eltern über einen negativen Einfluss der Islamischen Föderation auf die Schüler waren nicht mehr zu überhören. Hinzu kam, dass sich die Föderation rasant ausbreitet: In sechs Jahren schaffte sie es, sich an 37 Schulen zu etablieren. Rund 4000 Schüler besuchen ihren Unterricht und schon jetzt steht fest, dass es nächstes Jahr noch mehr werden.

Angesichts der zunehmenden Islamismus-Tendenzen in der Stadt wollen die Sozialdemokraten nicht mehr tatenlos zusehen, wie die Föderation an Einfluss gewinnt. Also haben sie sich darauf besonnen, dass der Berliner Sonderweg verlassen werden muss. Denn nur dieser Sonderweg hat es der Islamischen Föderation ermöglicht, so in Berlin Fuß zu fassen, wie sie es getan hat: Er gibt den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften die Möglichkeit, auf Staatskosten aber kaum kontrolliert ihren Unterricht zu erteilen.

Es wirft nicht gerade ein günstiges Licht auf die Berliner Politik, dass sie sich so lange davor gedrückt hat, die Hürden der innerparteilichen Diskussionen zu nehmen, um sich in der schwarz-roten oder rot-roten Koalition auf ein anderes Modell des Unterrichts zu einigen. Immerhin war über 20 Jahre lang Zeit, sich auf die Ansprüche der Islamischen Föderation einzustellen.

So lange hatte es gedauert, bis die Föderation vor Gericht ihre Anerkennung als Religionsgemeinschaft erreichte. Aber auch als dies 1998 geschah, blieb das Land tatenlos. Zwar ließ die damalige sozialdemokratische Bildungssenatorin Ingrid Stahmer ein Konzept für ein neues Fach „Islamkunde“ erarbeiten, das der Föderation Konkurrenz machen sollte. Aber nach der nächsten Wahl verschwand das Papier in der Schublade, weil der neue Senator Klaus Böger meinte, dass es einen besseren Weg gebe, die Föderation zu verhindern.

Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte es damals, sich für ein Wahlpflichtfach zur Wertevermittlung einzusetzen. Lange wurde diskutiert – aber nichts geschah.

Jetzt also wird die Diskussion erneut geführt. Das ist zu begrüßen. Nicht nur, weil man den islamischen Unterricht als reguläres Fach „Islamkunde“ besser kontrollieren kann. Es wäre für alle Berliner Schüler gut, wenn es ein Pflichtfach zur Religions- und Wertevermittlung gäbe.

Dennoch ist für Freudensprünge kein Anlass. Zum einen sind viele unerfreuliche Zwischenfälle in den Schulen nicht auf die Föderation zurückzuführen, sondern schlicht auf die schulische und berufliche Perspektivlosigkeit, in der gerade muslimische Schüler leben. Zum anderen ist noch offen, ob die Basis von SPD und PDS eine Neuregelung mittragen, die den Unterricht der Religionsgemeinschaften aufwertet.

Jetzt werden die Widerstände überwunden werden müssen, denen man in den Vorjahren ausgewichen war – aus Bequemlichkeit.

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