Berlin : Ethno im Taschenformat

Zwei Berliner gründeten ein Multikulti-Magazin

Ariane Bemmer

Sie sind jetzt raus aus dem Gemeinschaftsbüro in der Torstraße, haben ihre eigenen Räume, ein Ladenbüro in der Markgrafenstraße, im Kreuzberger Teil, der nicht mehr so schön ist wie der am Gendarmenmarkt in Mitte. Es stehen nur zwei Tische herum und ein paar Stühle, nichts ist fertig, sie brauchen einen Kühlschrank, sagen sie. Möglichst billig.

Kerem Atasevar und Sascha Wilczek geben „Tellal“ heraus, ein kostenloses Magazin in Postkartengröße, ein Kulturkalender mit Interviews und Künstlerporträts, mit einem Programmteil speziell für interkulturelle Veranstaltungen. Im Februar kam die erste Ausgabe heraus, 5000 Exemplare, sie haben das selbst bezahlt, weil es vom Senat kein Geld mehr gab für Existenzgründer. Jetzt kommt bald das sechste Heft, 20000 Stück diesmal. 5000 Exemplare liegen allein bei Dussmann aus. Atasevar und Wilczek hoffen, bald von dem Heftchen leben zu können.

Ganz viele Leute hätten gesagt, na endlich gebe es so ein Heft. Vielleicht ist die Zeit gerade günstig. Das erste Tellal-Heft kommt heraus, als Fatih Akin im Februar den Goldenen Bären gewinnt für „Gegen die Wand“. In dem Heft steht in einem Interview, dass Migranten in Deutschland als soziales Problem, aber nie als Kulturträger wahrgenommen werden. Die von Tellal wollen das ändern. „Politik und Religion kommen bei uns nicht vor“, sagt Atasevar. Und Wilczek sagt: „Wir sind eine Art gedrucktes Radio Multikulti.“

Beide kamen zum Studieren nach Berlin. Wilczek aus Duisburg, Atasevar aus Rüsselsheim. Wilczek studierte Migrationssoziologie und Philosophie, sein Partner Kulturmanagement. Kennen gelernt haben sie sich bei der Staatsoper, wo Atasevar an der Optimierung der Besucherzahlen arbeitete. Sie stellen fest, dass viele interkulturelle oder ethnische Veranstaltungen – Sachen, die sie interessieren – nicht richtig bekannt werden. Also beschließen sie, den Kulturkalender zu gründen. Ein Jahr dauert die Vorbereitung. Wilczek sagt, dass sie überzeugt waren von der Idee. „Wir hatten keine Zweifel, dass wir es schaffen.“ Sie nennen ihn „Tellal“, ein arabisches Wort, das soviel heißt wie Verkünder von Neuigkeiten.

Kontakte haben sie vom Studium, von vielen Jobs. Das helfe mehr als ethnische Gemeinsamkeit, wenn es um Interviews mit türkisch-stämmigen Künstlern wie Feridun Zaimoglu geht, sagt Kerem Atasevar. Mit ihm haben sie über seine Gesprächsreihe an der FU geredet und sein Buch „Zwölf Gramm Glück“ vorgestellt. Sie porträtieren Maler, Musiker, Autoren, Festivals wie Kanakwood, alles, was anliegt, Hauptsache interkulturell. Tellals Zielgruppe, sagen sie, sind „alle, die zum Karneval der Kulturen gehen“.

Und man macht mit eigenen Aktionen auch selbst mit. Vergangenen Freitag startet eine Reihe mit türkischen Filmen, die in Istanbuls alter Kinoindustrie entstanden sind. Alte Schmachtfetzen, die in den 70er Jahren die Türken zu Tausenden in große Open-Air-Kinos lockten. Eine Tradition, die durch das Fernsehen kaputt ging. 20 Filme wollen Atasevar und Wilczek bis September zeigen. Die Premiere sei ein voller Erfolg gewesen, sagt Atasevar. Die Filme sind alle auf Türkisch, aber das sei egal, die Liebesgeschichten seien einfach und erklärten sich von selbst. Ganz anders als multikulti in Deutschland.

Die Kinofilm-Reihe „Cit Cit Cit“ findet jeden Freitag und Samstag statt. Nächster Termin ist der 16. Juli um 21 Uhr im Café Feuerwasser in der Skalitzer Straße 41 in Kreuzberg, Eintritt drei Euro.

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