Berlin : Euro-Umstellung: Wenn sich "Rex Super" am Euro verschluckt

Ensa Maurer

"Probleme mit Geld sind besser als Probleme ohne Geld", behauptete einst der 1990 verstorbene amerikanische Verleger Malcolm S. Forbes. Demnach müssten die rund 200 Angestellten von "Bally Wulff" angesichts ihrer qualitativ hochwertigen Sorgen zur Spezies der Glücklichen gehören. Das Unternehmen am Neuköllner Maybachufer nämlich entwickelt und produziert seit über 50 Jahren Geldspiel-Automaten und gehört hier zu Lande zu den Marktführern. Etwa 50 000 Geräte tragen das rot-blaue Firmenemblem nebst so klangvoller Namen wie Sunfire, Jet Set, King Royal oder Happy Risc und hängen derzeit in deutschen Kneipen und Spielhallen. Das an sich ist wahrlich eher Grund zur Freude denn zum Kummer - wenn da nicht die Einführung des Euro zum neuen Jahr wäre.

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Der Euro-Countdown Bei "Bally Wulff" beschäftigt man sich bereits seit Jahren mit der Thematik, die zu den größten Herausforderungen in der Firmengeschichte zählt. "Wir haben schon 1995 mit den Euro-Vorbereitungen begonnen.", erinnert sich Bernhard Eber, Marketing-Chef des Unternehmens, und öffnet einen Automaten, um den Blick in dessen elektronische Innereien frei zu geben. "Bei der Entwicklung unserer Eurotec, die wir 1997 eingeführt haben,", erklärt er, "war es uns wichtig, dass der Betreiber die Umrüstung auf die neue Währung mit möglichst wenigen Eingriffen selbst vornehmen kann." Zum einen gilt es, das kaugummistreifengroße Spielmodul auszutauschen, das den Gewinn berechnet und die interne, manipulationssichere Buchhaltung eines jeden Apparats bewältigt. Und zum anderen muss die gesamte Münzverarbeitung ersetzt werden, damit sie Cents und Euros spucken und schlucken kann. Dazu gehört auch ein elektronischer Münzprüfer. "Den in ausreichender Stückzahl zu bekommen, ist schon Problem genug,", weiß Eber, "denn es gibt in Deutschland nur zwei bedeutende Hersteller."

Noch größere Sorgen bereitet jedoch, was der Prüfer zu erkennen und für gut oder schlecht zu befinden hat - das Geld, das bundesweit in fünf Prägeanstalten produziert wird. 17 Milliarden Münzen sollen bis zum Jahresende gefertigt sein vom Ein-Cent- bis zum Zwei-Euro-Stück. Da die aber erst Mitte Dezember in kleinen Mengen von den Banken in Umlauf gebracht werden, muss man die Münzprüfer derzeit in mühsamer Handarbeit mit Muster-Geldstücken für ihr Leben nach dem 1. Januar 2002 trainieren. Anders als den Verbrauchern kann Geldspiel-Automaten keine Übergangszeit zugestanden werden; ist das Spielmodul ausgetauscht, lässt sich nach D-Mark-Einwurf bei "Rex Super" und Konsorten nichts mehr holen. Und der Betreiber ist um 150 Mark ärmer, ohne überhaupt einen Cent verdient zu haben: Denn so viel kostet ihn ein komplettes Umrüst-Set. Dazu kommt die erste Euro-Münzröhrenfüllung im Gegenwert von rund 600 Mark. "Für viele Nebenerwerbsbetriebe, die nur einige Geräte haben,", bemerkt Eber, "ist der Start in die Währungsunion ohne einen Bankkredit oft nicht zu schaffen."

Die Kosten belasten freilich auch die Großen der Branche, die ein Netz Tausender blinkender, fiepender Maschinen unterhalten, doch mehr noch bringen sie Praxis-Tests mit dem neuen Geld ins Grübeln. Bernhard Eber erzählt von einem Aufsteller, der samt eines Euro-programmierten Spielautomats die Prägeanstalt in Nürnberg aufsuchte: "Er hat dort Versuche mit Münzen aller Prägen in Deutschland gemacht und festgestellt, dass beispielsweise von denen aus München jede zweite nicht akzeptiert wurde." Und das trotz strengster Normen und Qualitätskontrollen bei der Geldherstellung.

Angesichts dieser Erfahrungen mag Eber gar nicht daran denken, wie die sensiblen Münzprüfer auf zu erwartende Euros aus der Produktion anderer Teilnehmerländer reagieren. "Wenn überall kleinste Abweichungen auftreten, wird ein riesiges Problem auf uns zukommen. Vermutlich müssen wir Mitte nächsten Jahres, wenn die Euros und Cents deutliche Gebrauchsspuren zeigen, nochmal alle Geräte nachjustieren."

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