Berlin : Euro: Warte, warte nur ein Weilchen

Andreas Conrad

Steht ein Mann einsam an der Bushaltestelle. Kommt ein zweiter dazu, hüstelt höflich, fragt: "Sind Sie eine Schlange?" Früher hätte man die Situation ohne weiteres in Quizshows einsetzen können, um die Kandidaten nach ihrer Kenntnis nationaler Eigentümlichkeiten zu befragen. Um es ihnen leichter zu machen, hätte man mindestens einen der wartenden Herren mit Regenschirm und Melone ausgestattet, nötig wäre es nicht gewesen: Klarer Fall, der Bus Stop befindet sich in England.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Heute wäre die Zuordnung nicht mehr so einfach. Alles verschleift sich, zwar noch nicht an Bushaltestellen, wie jeder BVG-Nutzer bestätigen wird, aber auf die Meisterschaft im Schlangestehen sind die Briten längst nicht mehr abonniert. Mehr noch, zum Euro-Schlangenmarathon dieser Tage sind sie gar nicht erst angetreten, wagten sich nicht dem europäischen Wettbewerb zu stellen, hierin den Schweden und Dänen seltsam gleich.

So werden sich nun eben andere Nationen um das frei gewordene Championat bewerben dürfen, und ganz vorn an der Spitze stehen zweifellos wir Deutschen. Gewiss, der hier zu schildernde Eindruck ist nur eine Momentaufnahme, erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Zumindest ist das Bild homogen, nichts Widersprüchliches konnten wir feststellen. Zwar nicht gerade Logik, ein vernünftiger Grund für den Sturm auf den Euro ist beim besten Willen nicht zu erkennen. Doch dominieren Ruhe, Ordnung, Disziplin. Geradezu preußisch, das Bild.

Zum Beispiel in der Sparkassenfiliale Potsdamer Straße: Zeitweise reicht die Schlange aus dem winzigen Foyer bis auf die Straße. Vorne spaltet sie sich, links die Tauschwilligen, rechts die Bankkunden mit Einzahlungswunsch. Der unermüdliche Bankmensch am Eingang hat keine Mühe, sie zu sortieren, bereitwillig reicht man seine Plastiktüten fürs Kleingeld durch, murmelt auch einige Anteilnahme, als er das allmähliche Schwinden seiner Stimme beklagt. Ansonsten geduldiges Ausharren, Fatalismus gar, der Bankbesuch als Warteschleife: "Lieb Euro-Land, magst ruhig sein, wir reihen uns in die Schlange ein."

Kaum anders das Bild bei der nahen Postfiliale, der Deutschen Bank 24 oder auch der Commerzbank. Zeit ist bekanntlich Geld, beides ist im Überfluss vorhanden und muss unter die Leute. Günstig, wenn man gleich in Familienstärke anrückt. Da ist es sogar von Vorteil, wenn das Töchterchen den wartenden Papa am Mantel zupft und unbedingt in die Nachbarschlange direkt neben dem bankeigenen Weihnachtsbaum will. Der ist noch immer mit glitzernden Paketen vollgehängt, die einzige Ablenkung, die die Filiale zu bieten hat, was auch Papa gefällt. Mama wartet nun nebenan, mal sehen, wer schneller ist.

Aber so richtig quengelig sind nicht mal die Kinder. Nicht mehr als beim Jahreskirchgang zu Heiligabend. Und die Erwachsenen warten sowieso am liebsten stumm oder allenfalls mit ihrer Begleitung murmelnd. Eine nicht gerade andächtige Gemeinde, aber der Geräuschpegel, den sie dabei entwickeln, gleicht doch allenfalls dem einer Kahnpartie durch den Spreewald.

Nein, Event-Charakter hat die Euro-Ausgabe ganz und gar nicht. Und so versagt auch die Erklärung für das Gedränge an den Langen Museumsnächten, die Leute suchten eben das gemeinschaftliche Erlebnis. Eher bewährt sich hier jahrelange Gewöhnung, in der sozialistischen Wartegemeinschaft bei den einen, in den Schlangen vor Betreten oder Durcheilen der DDR bei den anderen. Auch die Jahre danach boten gerade in Berlin hinreichend Gelegenheit zum Training. Fast zweimal ringelte sich der Menschenwurm um den Reichstag, als Christo und Jeanne-Claude im Sommer 1995 fünf Stunden lang einen Tagesspiegel-Sonderdruck zu ihrem Verhüllungswerk signierten. Und bis zu acht Stunden harrten die Menschen im letzten Jahr aus, um in der Ausstellung "Körperwelten" ihre Anatomiekenntnisse aufzumöbeln. So gesehen, ist die Geduld vor dem Bankschalter nur mäßig gefordert. Für alle Fälle empfehlen wir zum mentalen Training ein beliebtes, der aktuellen Lage angepasstes Kinderlied: "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt der Euro auch zu dir."

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