Berlin : Europa in zehn Tagen – aber ohne Berlin

Als Reisehauptstadt der Deutschen hat sich Berlin längst etabliert. Jetzt will die Stadt mehr ausländische Gäste gewinnen

Alexander Visser

Die Deutschen lieben die Berliner Luft, keine Stadt im Land lockt mehr Gäste. Doch trotz steigender Besucherzahlen auch aus dem Ausland kann Berlin in der europäischen Champions League der Touristenziele nur bedingt mithalten. Mittlere Metropolen wie Amsterdam oder Wien zählen fast doppelt so viele Übernachtungen internationaler Gäste pro Jahr wie Berlin. Das hat eine Untersuchung der Wirtschaftsuniversität Wien ergeben. Auch Budapester Hoteliers verzeichnen mit 4,3 Millionen Übernachtungen noch deutlich mehr als Berlins 3,4 Millionen. Weil sich Berlin aber mit den ganz großen Touristenzielen London, Paris und Rom misst, macht die Stadt jetzt kräftig Werbung im Ausland – zum Beispiel mit ihren Weihnachtsmärkten.

Die Marktlage ist günstig, die Reisezurückhaltung wegen Terror- und Kriegsangst scheint überwunden. „Im Mai hatten wir bei 156000 ausländischen Besuchern 396000 Übernachtungen in der Stadt“, verkündete die Berliner Tourismus Marketing GmbH (BTM). „Das waren 32,6 Prozent mehr als vor einem Jahr.“ Auch die notorisch schlechte Hotelbelegung besserte sich im ersten Halbjahr leicht auf 62 Prozent. Für 2004 erwartet die BTM einen neuen Rekord von über 11,4 Millionen Übernachtungen aus Deutschland und der Welt. Vor 15 Jahren, als die Mauer noch stand, zählte man gerade Mal 6,5 Millionen Übernachtungen. Seit dieser Zeit hat Berlin viel aufgeholt und München als beliebtestes Ziel internationaler Besucher abgelöst: 2003 gab es 3,35 Millionen Übernachtungen ausländischer Gäste an der Spree und 3,05 Millionen an der Isar.

Prozentual liegt München allerdings noch vorne: Fast 50 Prozent der Gäste kommen dort aus dem Ausland, in Berlin sind es nur 30 Prozent. „Das liegt aber nicht daran, dass Berlin versäumt hat, im Ausland zu werben“, sagt Lars Bengsch vom Wirtschaftswissenschaftlichen Institut für Fremdenverkehr (DWIF) München. Dafür seien eher die „Trampelpfade“ der Tourismusbranche verantwortlich. München sei als Ziel bei den Reiseveranstaltern seit langem etabliert. Vor allem US-Agenturen bieten ihre „Europa in zehn Tagen“-Pakete meist ohne Berlin an: München ist dagegen oft als Teil der Alpenregion neben Wien und Schloss Neuschwanstein im Programm.

„Für die meisten Amerikaner steht München für bayerische Gemütlichkeit und Berlin für preußischen Militarismus“, sagt Raimund Lammersdorf von der bayerischen Amerika-Akademie. Außerdem habe München mit dem Oktoberfest die einzige Großveranstaltung, die in den USA bekannt sei. „Die Love Parade kennt in Amerika niemand“, sagt Lammersdorf. So zählte München im vergangenen Jahr fast 500000 Übernachtungen amerikanischer Besucher, Berlin knapp 320000. Europäische Besucher steigen dagegen lieber in Berlin ab.

Daher wollen die Berlin-Vermarkter in Zukunft verstärkt in Übersee werben. Zum Beispiel mit der Kampagne „Winterzauber“, die Berlin als vorweihnachtliches Shopping-Paradies mit 44 Weihnachtsmärkten anpreist. In Denver oder Osaka, so dürfte die Hoffnung sein, weiß niemand, dass Berlin hierzulande nicht gerade als die Stadt mit den schönsten Weihnachtsmärkten gilt. Der Senat hat für das neue Werbeprogramm drei Millionen Euro bewilligt, die Wirtschaft soll weitere zwei Millionen Euro drauflegen.

„Das ist gut angelegtes Geld“, findet Interconti-Chef Willy Weiland. Schließlich schaffe der Tourismus in der Stadt immer mehr Jobs. Fast 70000 Menschen arbeiten in Berlin in der Tourismusbranche. Weiland sieht günstige Bedingungen für weiteres Wachstum, das politische Umfeld stimme zurzeit. „Der rot-rote Senat ist sehr bemüht, die Bedingungen für die Branche zu verbessern.“ Auch die Kampagne „Winterzauber“ entstand in Absprache von Senat und Branchenvertretern am Runden Tisch.

Doch das ist nicht das einzige Projekt, mit dem die Berliner die touristischen Trampelpfade umleiten wollen. „Die BTM setzt gezielt auf Kooperationen mit osteuropäischen Touristenzielen wie etwa Dresden oder Prag “, sagt die Tourismusexpertin Claudia Richter vom Berliner Büro des DWIF. Mit gemeinsamen Vermarktungsstrategien kann Berlin vom steigenden Interesse am „neuen Europa“ profitieren. So bietet Euro Lloyd in den USA dieses Jahr ein Reisepaket an, das das Oktoberfest mit Prag und Berlin kombiniert.

Größtes Manko des Tourismusstandorts bleibt die mangelnde Flughafenanbindung. Das ist vor allem ein Problem beim wichtigen Marktsegment von Kongressreisen. Auch den will die Marketinggesellschaft BTM in Zukunft ausbauen. Noch, glaubt allerdings BTM-Chef Hanns Peter Nerger, haben einige konkurrierende Tourismusstädte wie Barcelona oder Wien gegenüber Berlin einen Mentalitätsvorsprung: „Dort wird jede Maßnahme zur Stadtentwicklung unter touristischen Gesichtspunkten geprüft. So weit sind wir in Berlin noch nicht.“

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