Europa - mein scHmERZ : Die Entgrenzung des Unmöglichen

Die Idee der EU scheitert immer wieder, weil sie das Unmögliche anstrebt. Deshalb müssen wir an ihr festhalten, auch in harten Zeiten, meint die Schriftstellerin Priya Basil - und besser Scheitern.

Priya Basil
Priya Basil, 39, lebt in London. Sie schrieb unter anderem den Roman „Die Logik des Herzens“ (Schöffling).
Priya Basil, 39, lebt in London. Sie schrieb unter anderem den Roman „Die Logik des Herzens“ (Schöffling).Foto: privat

„Die einzige Möglichkeit einer Sache ist die Erfahrung der Unmöglichkeit.“ Diese Worte, mit denen Jacques Derrida seine Idee der bedingungslosen Gastfreundschaft zusammenfasste, tragen eine Wahrheit in sich, welche sich auf jegliches Streben nach einem Ideal anwenden lässt. Wir können das überwältigend-belebende Wesen des Unmöglich-Möglichen vielfach wahrnehmen: beim Verzeihen, Schreiben, Lieben, und – vielleicht am bedeutendsten – bei jedem Versuch, die Welt zu verbessern.

Die Europäische Union verkörpert die Idee des Unmöglichen als Voraussetzung für die Möglichkeit von etwas. Es ist wahrhaftig ein fantastisches Projekt, welches Dutzende Völker durch offene Grenzen, abgestimmte Wirtschaft und gleiche Rechte und Möglichkeiten für mehrere hundert Millionen von Bürgern zusammenbringt – in dem Sinne, dass es sowohl unwahrscheinlich wie großartig ist. Wären die Ziele der Union realistischer, wären wir wahrscheinlich niemals so weit gekommen – an einen Punkt, an dem unzählige Europäer eine Art von bedingungsloser Gastfreundschaft über weite Teilen ihres Kontinents erfahren haben, eine Gastfreundschaft, welche vor nur wenigen Jahrzehnten hier unvorstellbar gewesen wäre und in so vielen Teilen der Welt noch immer ist.

Zehn Jahre lang pendelte ich zwischen London und Berlin, ohne irgendjemanden um Erlaubnis fragen zu müssen, ohne irgendwelche Einschränkungen zu erfahren oder Voraussetzungen erfüllen zu müssen. In Deutschland bestand niemand darauf, dass ich die Sprache lernen müsste, niemand hinterfragte meine Werte oder deutete an, dass ich eine Last für den Staat darstellen würde. Millionen andere haben in der EU eine ähnliche Erfahrung des Willkommenseins gemacht. Viele von uns sind ohne Integrationskurs oder Einbürgerungstests zu mustergültigen Europäern geworden, sie haben eine Identität schlicht dadurch angenommen, dass sie sie leben können.

Fortschritt entsteht durch Scheitern

In einer Zeit, in der es derart umstritten ist, wer das Recht hat, unter welchen Bedingungen an welchem Ort zu sein, steht die EU für eine wunderbar weite Auffassung von Zugehörigkeit. Ja, das Modell ist fehlerhaft, es ist geplagt von ungastlichen Tendenzen – bezeugt vom jüngsten Umgang mit Griechenland und generell den Flüchtlingen –, aber dennoch ist es noch immer einzigartig, wie die EU sowohl unsere Vorstellungskraft als auch die tatsächlichen Grenzen des Unmöglichen geweitet hat. Infolgedessen will – ja, kann – mindestens die Hälfte aller EU-Bürger niemals wieder zurückkehren zu einer engen, rein nationalen Identität. All das kann leicht aus dem Blick geraten, zu einer Zeit, in der dem Nationalismus schamlos neues Leben eingehaucht wird, während seine hässliche und verlogene Rhetorik in Gesellschaften, in denen die Sensationsgier gedeiht, an Boden gewinnt.

Wird nach dem Unmöglichen gestrebt, so sind Mängel unvermeidbar im Prozess und Ergebnis. Wenn dies auch entmutigend ist, muss es kein Grund zum Verzagen sein, sondern eine Chance zum Überdenken, zum erneuten Versuch. Fortschritt entsteht durch Scheitern – dies bildet das Fundament der Wissenschaft, die sich der Wahrheit durch Falsifikation und Bestätigung nähert: ein Ansatz, welcher der EU sachdienlich ist, einer Art Experiment, dessen Potenzial in großem Maße noch unerforscht und unerfüllt ist. Unter diesem Blickwinkel stellen der Brexit und seine chaotischen Nachwirkungen die beständige Gültigkeit der EU auf die Probe.

„Wenn einer nur das tut, was er kann, was in seiner Macht steht“, bemerkte Derrida, „dann entwickelt er nur jene Möglichkeiten, welche ihm bereits innewohnen, er folgt einem Plan. Um etwas zu verrichten, muss mehr getan werden, als was ein Einzelner tun kann.“ Was bedeutet das? Es bedeutet, den Kurs zu halten, selbst wenn es hart wird. Es bedeutet, die Freiheit von Meinung, Rede und Handlung auszuüben und, allen Widrigkeiten zum Trotz, auf das unmögliche Ideal der EU zu beharren. Es bedeutet Scheitern, nur besser.

– Aus dem Englischen von Franca Wolf

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