Berlin : Europäischer Filmpreis: Wer war nur die Schöne?

Andreas Conrad

Privatjet nach Berlin? Kein Problem. Ein Tag Urlaub von den Dreharbeiten? Hätte Regisseur Stephen Frears liebend gern erlaubt. Aber nein, Audrey Tautou, die Empfindsame, wollte nicht. Zu tief stecke sie in ihrer Rolle, jede Störung wolle sie da ausschließen. Also nix Tautou. Oder hat sie geahnt, dass ihre Amélie dann doch der Klavierspielerin unterliegen würde, sie selbst gegen Isabelle Huppert keine Chance hätte? Aber ohne sie wäre "Die fabelhafte Welt der Amélie" bei den European Film Awards wohl nie als bester Film ausgezeichnet worden und Jean-Pierre Jeunet auch nicht als Regisseur. Eine erhebliche Portion Ruhm strahlt also auch auf sie ab. Na ja, nichts zu machen.

Das Tempodrom am Anhalter Bahnhof ist also tatsächlich fertig geworden. Jedenfalls so weit, dass kaum noch auffiel, wie knapp man im Zeitplan gelegen hatte. Ein vergessener Eimer "Knauf Betonkontakt - verarbeitungsfertig" im Foyer, nun gut. Doch der Bauarbeiter in gelber Gummijacke und Bauhelm, der kurz nach Anfang der Show auf die Bühne tapste, war natürlich natürlich gar keiner, sondern nur der erste Gag des britischen Entertainers und Regisseurs Mel Smith, der dann ganz ohne Gummikluft moderierend durch den Abend führte. In einem durchaus prächtigem Ambiente, einer Mischung aus Zirkuszelt und Festsaal, mit viel Rot und Gold, im Zentrum der Bühne ein großes verschnörkeltes Hufeisen als Tor, auch dies sehr passend - Glück kann der Filmpreis wie auch der europäische Film überhaupt jede Menge gebrauchen. Jedes Jahr würden in Europa 850 Filme produziert, 160 mehr als in den USA, doch der Anteil der europäischen Filme auf dem europäischen Markt betrage gerade mal zehn Prozent, hatte Kulturstaatsminister Nida-Rümelin in seiner Rede beklagt - wohlgesetzte Worte für eine traurige Situation.

Die am roten Teppich ausharrenden Presseleute bekamen sie deutlich zu spüren. Selbst sturmerprobte Gesellschaftsfotografen, die sonst jedes Blondchen und jedes Milchgesicht unter gegeltem Igelhaar zu benennen wissen, mussten wieder und wieder passen. Natürlich, Ben Kingsley kennt jeder, schon wegen der Gandhi-Glatze und der große Ohren, wozu sich ein winziges grauweißes Kinnbärtchen gesellte, mehr die Andeutung dieser Manneszier, gerade zu erahnen. Die beiden Terrys, der Gilliam und der Jones, wiederum zogen eigens eine kleine Show ab, grimassierten aufs Herzlichste und beleckten einander gar ein wenig die Nase - kurz, taten genau das, was man von echten Monty Pythons erwartet. Und das feine, hoheitsvoll-ironische Lächeln von Charlotte Rampling weiß natürlich auch jeder halbwegs Eingeweihte zu identifizieren. Aber wer war nur, so rätselten dann viele, die Schöne neben Charlotte? Stefanie Ceccareli? Aha.

Mit "Intimacy"-Regisseur Patrice Chéreau hatte der Reigen auf dem roten Teppich begonnen, der genau genommen ein rotgelber war: Dort namentlich präsent zu sein, ließ sich der Sender Premiere World als Sponsor nun mal nicht nehmen. Ein richtiges Defilée war dort nicht möglich. Viel Publikum war ohnehin nicht gekommen, für die Touristenströme als zuverlässigste Claqueure ist der Anhalter Bahnhof doch arg weg vom Schuss. Mehr als an ihren vorbeirauschende Limousinen dürften die spärlichen Zaungäste ohnehin nicht gesehen haben, an diesem Problem sollte man noch arbeiten.

Und auch zuverlässigere Glühbirnen oder Schaltkontakte für die Highlights des Abends sollte man sich besorgen. Das waren zwei weiße Ballons, die vor dem Tempodrom an Schnüren in der Luft tanzten, von innen beleuchtet, daher erinnerten sie ein wenig an die Japanpapier-Lampen früherer Jahrzehnte. Das heißt, sie hätten daran erinnert, wären sie nicht ständig ausgegangen.

Aber das waren auch schon die einzigen erkennbaren Pannen des Abends, der endlich einmal Gesichter nach Berlin führte, die man hier nicht alle Tage sieht. Gut, Shawne und Ariane dürfen nicht fehlen, auch Klaus Wowereit mit seinem Schatz nicht, die Hannelore Elsner nicht und auch nicht der olle Buck und Til Schweiger. Aber Oliver Hirschbiegel, Brenda Blethyn, Udo Kier, Nanni Moretti, Michael Ballhaus und all die anderen Stars des europäischen Kinos hat man hier nicht alle Tage. Falls sie in zwei Jahren wieder ins Tempodrom kommen, sollte man bis dahin aber die Stolperschwelle am Eingang abschleifen. Mancher machte dort "Huch", das muss nicht sein. Same procedure as every year? Ein roter Teppich ist kein Tigerfell.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar