• Europaschulen kämpfen mit hoher Fluktuation - Die Schulverwaltung will größere Klassen

Berlin : Europaschulen kämpfen mit hoher Fluktuation - Die Schulverwaltung will größere Klassen

Suzan Gülfirat

"Charcuterie", sagt der französische Erzieher den Kindern der Vorklasse in der Deutsch-Französischen Europaschule in Reinickendorf vor, während er das Foto einer Wurstwarenhandlung herumreicht. Eifrig versuchen einige das Wort nachzusprechen, andere können das Wort bereits perfekt. Noch andere Zungenbrecher folgen, die die Erzieher der Märkischen Europa-Grundschule spielerisch oder besser gesagt mit "Händen und Füßen" in beiden Sprachen zu vermitteln versuchen. Bekanntlich können Kinder gemein sein, aber Gelächter, weil jemand ein Wort nicht richtig aussprechen kann, gibt es nicht. "Jeder kann mal etwas nicht", sagt Schulleiterin Gisela Magira.

Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, warum trotz des "hohen Anteils" an Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, in den 14 Europaschulen mit den mehr als 3000 Kindern nicht von sprachlichen oder ethnischen Problemen die Rede ist. "Wir fragen nicht, wo die Kinde herkommen", sagt Gisela Magira. Ihre Einstellung ist nicht nur ein Zeichen von Weltoffenheit, sondern hat auch einfache praktische Gründe. Es gibt zum Beispiel Kinder, bei denen ein Elternteil Deutscher ist oder die Vorfahren aus Deutschland stammen. Genauso gibt es Kinder mit ausländischen Eltern, die hier geboren wurden. Magira: "Der Einfachheit halber fragen wir, wer zu Hause nicht Deutsch spricht."

Wer beide Sprachen gleich gut beherrscht, muss sich entscheiden. Alphabetisiert werden die Kinder nach der Vorklasse genau in dieser Sprache, wobei neben dem Deutschunterricht auch im Matheunterricht Deutsch gesprochen wird. Ab der dritten Klasse, geht es richtig los. Der Fachunterricht - ab der vierten Klasse sind das Erdkunde, Biologie und Geschichte - wird nur in der "Partnersprache" vermittelt. Dann wird die Klasse, die aus 24 bis 26 Schülern besteht, in zwei traumhaft kleine Gruppen geteilt. Mehr als zwölf Schüler in einer Klasse wären aus der Sicht von Pädagogen nicht vertretbar. Denn das anspruchsvolle Ziel der staatlichen Europaschulen ist es, die Schüler spätestens in der 10. Klasse in beiden Sprachen entsprechend den Anforderungen der jeweiligen Oberschulform auf den Stand von Muttersprachlern zu bringen. Ab dann werden alle Schüler einer Klasse in einer der beiden Sprachen unterrichtet. Nicht selten ärgern sich die Lehrer, dass diese Schulen als reine Sprachschulen missverstanden werden. Denn über den Unterricht hinaus gilt es auch, den kulturellen Hintergrund der Partnersprache kennenzulernen und "zu verstehen." Dazu gibt es Sondermittel für besondere kulturelle Programme oder Unterrichtsmethoden.

Izwischen sind die ersten Kinder der Europaschulen in der Oberstufe angekommen. Bisher gibt es drei siebte Klassen. Ob das Konzept aufgeht, wird sich deshalb erst zeigen. Ein Problem ist die hohe Fluktuation, besonders von fremdsprachigen Kindern. Eltern melden ihre Kinder in einer "normalen" Schule an, sobald ihr Kind aus ihrer Sicht die deutsche Sprache halbwegs gut beherrscht. Und deutsche Eltern schicken ihr Kind nach der vierten Klasse in ein grundständiges Gymnasium, wenn es die Grundzüge der anderen Sprache beherrscht. "Uns ist ab der vierten Klasse deshalb eine ganze Klasse abhanden gekommen", sagt Schulleiterin Magira. "Eine Gemeinheit", kommentiert sie: "Dabei haben sie Kindern, deren Eltern es ernst meinten, den Platz weggenommen."

In der siebten Klasse der Deutsch-Französichen Europaschule, die in der Sophie-Scholl-Schule in Schöneberg untergebracht ist, sitzen deshalb im getrennten Unterricht gerade mal 10 Kinder. Dass weitere Schüler hinzukommen, ist unwahrscheinlich, weil das Niveau in beiden Sprachen für Anfänger zu hoch ist. In einem Jahr wird auch die siebte Klasse der Deutsch-Spanischen Europaschule dort untergebracht.

Ob es bei den kleinen Klassen bleibt, ist ungewiss. Denn die Senatsverwaltung für Schule schaut mittlerweile auch auf diese Schulen. "Wir lange können wir uns diesen Luxus leisten?", fragt man sich dort. Zumindest über eine Erhöhung der Klassenfrequenz in der ersten Klasse und die Zusammenlegung beider Gruppen schon ab der achten Klasse wird nachgedacht.Am heutigen Donnerstag berichten um 19 Uhr Lehrer der drei Oberschulen im Roten Rathaus im Ferdinand-Friedensburg-Saal über die Erfahrungen.

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