Berlin : Europaschulen sprachlos

Eltern und Lehrer sind empört über geplante Abschaffung der Vorklassen – FDP befürchtet „Vertrauensverlust“

Susanne Vieth-Entus

Berlins Europaschulen sollen entgegen bisheriger Planungen ab 2005 ihre Vorklassen verlieren. „Die Aufgaben der Vorklassen können von bilingualen Kindertagesstätten übernommen werden“, stellte Bildungs-Staatssekretär Thomas Härtel (SPD) gestern gegenüber dem Tagesspiegel in Aussicht. Die Europaschulen sind über diese neue Entwicklung empört. Die FDP befürchtet einen weiteren „Vertrauensverlust“ der Lehrer und Eltern: Bisher galten die Vorklassen als unverzichtbar für das anspruchsvolle zweisprachige Konzept der Schulen. Deshalb sollten sie – anders als die Vorklassen der regulären Grundschulen – erhalten bleiben.

„Das wird unsere Arbeit erschweren“, befürchtet etwa die stellvertretende Leiterin der deutsch-russischen Lew-Tolstoi-Grundschule, Renate Kind. Insbesondere für die deutschen Muttersprachler werde es schwierig, ohne Vorklasse auszukommen, weil viele von ihnen vor der Einschulung keine Berührung mit dem Russischen haben.

Zudem gibt es für Russisch - ebenso wie für Portugiesisch - noch keinen bilingualen Kindergarten, der die Aufgaben der Vorklassen übernehmen könnte. Härtel fordert deshalb Eltern und Schulen auf, Kitas zu suchen, die auf diese Sprachen einsteigen können. Eng wird es auch für Spanisch, Polnisch, Italienisch und Griechisch, da es für diese Sprachen nur vereinzelt bilinguale Kitas gibt. Lediglich für Englisch, Französisch und Türkisch ist die Auswahl groß, so dass Kinder Chancen auf eine wohnortnahe Kita hätten.

Dies aber ist für die Schulen und Eltern nur ein schwacher Trost. „Dass ein Kindergarten eine französische Erzieherin hat, heißt doch noch nicht, dass ein guter bilingualer Vorschulunterricht stattfindet“, gibt eine Mutter aus eigener Erfahrung zu bedenken. Sie war heilfroh, als endlich die Vorklasse der deutsch-französischen Grundschule begann, in der die Kinder konzentriert auf die erste Klasse vorbereitet wurden.

Staatssekretär Härtel weist diese Bedenken zurück. Denn das neue Kita-Bildungsprogramm werde ohnehin dazu führen, dass sich die Erzieher stärker auf die vorschulischen Aufgaben einstellen müssten. Zum anderen könnten die Grundschulen Kooperationen mit Kitas aufbauen. So würden die Erzieherinnen die Erwartungen der Schulen und das bilinguale Konzept besser kennen lernen.

Die FDP-Bildungspolitikerin Mieke Senftleben gibt sich damit nicht zufrieden. Sie fordert, dass die Europaschulen in das neue Schulgesetz aufgenommen werden, damit ihr Profil – ähnlich wie das der John-F.-Kennedy-Schule – rechtlich abgesichert wird. Dies aber hält Härtel für überflüssig, weil es im Gesetz eine pauschale Bestandsgarantie für alle Schulversuche gebe.

Die Europaschulen gelten seit über zehn Jahren als Berliner Vorzeigeprojekt. Bisher gibt es 14 Grund- und zehn Oberschulen für insgesamt neun Sprachen.

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