Europawahl : An der Urne wird jeder persönlich begrüßt

In Marzahn-Hellersdorf bestimmt gähnende Leere das Bild im Stimmlokal. Selbst in Charlottenburg-Wilmersdorf ist die Beteiligung niedriger als 2004.

S. Beikler,C. Steyer

Wer am Tag der Europawahl in Marzahn-Hellersdorf viele Menschen treffen und obendrein nach internationalem Flair Ausschau halten will, muss die Abstimmungslokale lieber links liegen lassen. Gähnende Leere bestimmt das Bild vor den Gebäuden mit den vorbereiteten Wahlurnen. Die Prognose, wonach der Bezirk im Nordosten auch diesmal mit der niedrigsten Beteiligung in den Statistiken stehen wird, scheint sich zu bestätigen. Die Wahlbeteiligung lag am Wahltag vor fünf Jahren um 16 Uhr bei 23,3 Prozent, gestern Nachmittag liegt sie bei nur 18,3 Prozent – berlinweit die schlechteste Wahlbeteiligung. „Die Leute kennt doch niemand“, sagt ein junger Mann vor dem Einkaufszentrum „Eastgate“. Vom Wahlkampf habe er bis auf die vielen bunten Plakate und TV-Werbespots nicht viel mitbekommen, obwohl erst am Sonnabend die SPD vor dem Handelsriesen für sich geworben hatte.

Überhaupt wirken die meisten Straßen wie ausgestorben. „Ab in den Garten“, gibt eine resolut wirkende Frau vor einem Elfgeschosser das Kommando für Kinder und Ehemann zum Einstieg ins Auto. „Normalerweise geht es schon am Freitagabend raus“, erklärt die Dame. „Aber die gerade 18 Jahre alt gewordene Tochter wollte unbedingt das erste Mal abstimmen. Ihr Lehrer kam auf die seltsame Idee, die Schüler einen Aufsatz über ihre Eindrücke im Wahllokal schreiben zu lassen.“ Sie selbst sei nur deshalb mit zur Wahl gekommen und habe auf dem Zettel ihr Kreuz gemacht. „Verlorene Zeit“, lautet ihr Urteil.

Und doch gibt es gleich um die Ecke einen Ort, an dem nicht nur internationales Flair, sondern viel Betrieb herrscht: In den „Gärten der Welt“ im Erholungspark Marzahn. Besucher spazieren durch chinesische, japanische, koreanische oder balinesische Gartenanlagen. Es mag Zufall sein, dass ausgerechnet der europäische Abschnitt aus einem Irrgarten besteht. „Nicht alle führen zum Ziel, sondern entpuppen sich als Sackgasse, so dass der Weg durch den Irrgarten zum Abenteuer werden kann“, heißt es auf einer Tafel.

Carola Himmel, Touristin aus Rheinland-Pfalz, zuckt beim Stichwort Europawahl mit den Schultern. „Die haben wir vergessen.“ Ein Mann aus Dresden zeigt sich dagegen als „überzeugter Europäer“. Natürlich habe er schon seine Stimme abgegeben – zu Hause, per Briefwahl. „Hoffentlich wissen die Einheimischen, dass in diesem wunderschönen Park auch viele EU-Mittel stecken“, sagt der Sachse. Anderenorts ärgerten sich Berliner, die wählen wollten. In der Weißenseer Rennbahnstraße war das Wahllokal so versteckt, dass mehrere Wahlwillige ratlos auf der Straße standen.

In Charlottenburg-Wilmersdorf sieht man an diesem Sonntagvormittag nur wenige Spaziergänger. Umso erfreuter sind die Wahlhelfer, wenn sich die Bürger im Wahllokal einfinden. Jeder wird persönlich begrüßt. „Bei uns war sogar schon eine 95-jährige Dame da und hat gewählt“, freut sich eine Wahlhelferin im Evangelischen Gymnasium Graues Kloster in Schmargendorf. Fast an einer Hand können die Wahlhelfer dagegen die jungen Wähler zählen, die bis zur Mittagszeit ins Wahllokal kommen – obwohl der Bezirk eine traditionell höhere Wahlbeteiligung hat. „Aber wenn es regnet, dann gehen ohnehin weniger Leute wählen“, sagt ein Wahlhelfer. „Und für viele ist Europa auch nicht wichtig.“

Es ist die Mischung aus Unzufriedenheit, geringer Identifikation mit Europa und Regenwetter, die in Charlottenburg-Wilmersdorf zu einer schlechteren Wahlbeteiligung als 2004 führt: Statt 35,3 Prozent wie 2004 nachmittags am Wahltag, sind es gestern um 16 Uhr nur 30,1 Prozent. Das ist auch der Berlin-Trend: Die Wahlbeteiligung um 16 Uhr liegt bei 25,1 Prozent und um 5,1 Prozentpunkte niedriger als bei der letzten Europawahl. Und während die Wahlhelfer noch bis 18 Uhr auf Wähler warten, versuchen die Mitarbeiter am Infotelefon, Bürgern bei der Suche nach ihrem Wahllokal zu helfen. Viele hätten ihre Wahlbenachrichtigung verlegt und wüssten nicht, wo sie jetzt wählen könnten, sagt eine Mitarbeiterin. Doch mit Hilfe der Internet-Datenbank kann schnell geholfen werden.

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