Europawahl : Eulen will sie nicht nach Brüssel tragen

Die Linke hat die Berliner Abgeordnete Martina Michels erstmals nominiert – Europa beschäftigt sie aber schon seit 2001.

Sabine Beikler
278423_0_858b7386.jpg
Bloß nicht in den Fischereiausschuss. Martina Michels will sich vor allem für die Regionalförderung einsetzen. Schon seit Jahren...

In 320 Metern Höhe putzte sie anlässlich eines Jubiläums angeseilt von außen die Scheiben des Fernsehturms, in einmotorigen historischen Flugzeugen flog sie mit über Berlin. Was hätte schon passieren können, sagt Martina Michels. „Ich bin für solche Aktionen zu begeistern“, sagt die Linkspolitikerin. „Da zeige ich vollen Einsatz.“ Auch Europa begeistert Michels, die seit Jahren europapolitisch aktiv ist. Nach 18 Jahren Abgeordnetenhaus will sie nun ins EU-Parlament wechseln.

Ihre Partei hat sie auf Platz neun der Europaliste nominiert. Sie rechnet sich gute Chancen aus und mehr Prozentpunkte für die Linke als 2004. Vor fünf Jahren erzielte die Vorgängerpartei PDS bei der Europawahl 6,1 Prozent und errang damit sieben Europamandate.

„Ich bin proeuropäisch“, betont sie. Und sie würde auch nicht „in Bausch und Bogen“ wie einige ihrer Parteifreunde den EU–Reformvertrag ablehnen. Michels zählt zu den linken Pragmatikern, die einen proeuropäischen Kurs propagieren, aber die Politik der EU und der Mitgliedsstaaten kritisieren. Sie fordert „als Mitglied einer Friedenspartei“, wie sie sagt, die Aufnahme der militärischen Abrüstung und sozialstaatliche Prinzipien wie Mindeststandards in den Reformvertrag. Mit dieser „Hausordnung“ gebe man sich eine Richtung, die Regeln aber könnten noch verbessert werden.

Sie möchte darüber nicht so gerne sprechen, dass die Linke ihre frühere EU-Politikerin Sylvia-Yvonne Kaufmann nicht mehr für Europa nominiert hat. Das Wort „Tragik“ kommt Martina Michels über die Lippen. Sie wechselt schnell das Thema und kritisiert die in ihren Augen zu starke Fokussierung der EU auf die soziale Marktwirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit.

Martina Michels arbeitet schon seit Jahren in der Europapolitik. Sie ist seit 2001 Vorsitzende des Ausschusses für Europa- und Bundesangelegenheiten im Berliner Abgeordnetenhaus. Und als stellvertretendes Berliner Mitglied und einzige deutsche Linke arbeitet sie im EU-Ausschluss der Regionen, ein über 300 Mitglieder großes Gremium in Brüssel, das die EU-Kommission berät. Würde sie ins EU-Parlament gewählt werden, möchte sie gern im Bereich EU-Regional- und Strukturpolitik arbeiten. „Und nicht im Fischereiausschuss“, sagt sie lachend. Dieser Ausschuss sei bei einigen Parlamentariern sehr begehrt, da er mit vielen Auslandsreisen verbunden sei.

Mit Menschen kann Martina Michels umgehen – sie ist kommunikativ, offen und hat viel Humor. Auch wenn sie über ihre Vergangenheit spricht. „In Prenzlauer Berg geboren, in Friedrichshain aufgewachsen und nach ein paar Umzügen in Berlin wieder im spannenden Bezirk Friedrichshain lebend“, versteht sie sich als überzeugte Berlinerin. Die studierte Philosophin arbeitete zu DDR-Zeiten unter anderem im DDR-Gesundheitsministerium, wo sie an der Vorbereitung von Abkommen mit Ostblockländern mitgearbeitet habe. „Das wollte niemand machen. Die wollten lieber mit dem Westen zu tun haben.“ Sie erzählt, wie sie sich darum kümmerte, dass nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl die betroffenen Kinder schnelle Hilfe in der DDR erhielten, wie sie die Perestroika miterlebte – und wie sie ihre positiven Berichte darüber nach der Wende beim Ausräumen des Panzerschranks im Ministerium wiederfand. Die seien wohl nie weitergegeben worden, glaubt sie heute. Sie sei zu DDR-Zeiten in der Partei gewesen, aber erst in der SED-Nachfolgepartei PDS richtig aktiv geworden. 1990 wurde sie in die Ost-Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, seit 1991 sitzt Martina Michels im Abgeordnetenhaus.

Den „Mut zum Träumen“ habe sie nie verloren, sagt sie. Nur das Sammeln von Eulen hat sie irgendwann aufgegeben. Sie besitzt 300 Eulen aus Holz, Papier, Metall als Sinnbild für Weisheit. Heute sagt sie dazu „Staubfänger“. Träumerisch klingt etwas anders.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben