European Maccabi Games : Das jüdische Olympia kommt nach Berlin

Die European Maccabi Games werden erstmals in Deutschland ausgetragen, kommende Woche geht’s los. Dass die jüdische Sportveranstaltung ausgerechnet in Berlin stattfindet, ist Roger Nussbaum zu verdanken.

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Es hat 136 Pfeiler und wuchtige Steinwände, es ist 304,26 Meter lang und 21 Meter hoch. Und es ist eine Provokation. „Natürlich hat das Olympiastadion polarisiert“, seufzt Roger Nussbaum. Das hat er doch immer gewusst. Hinter den Zahlen da steckt ja eine Geschichte. Das Stadion wurde für die Olympischen Spiele 1936 gebaut, Adolf Hitler hatte die Spiele eröffnet, es ist eine steinerne Erinnerung an den Nazi-Terror, an den Holocaust.

Jedenfalls denken viele so, viele, die den Holocaust überlebt haben und viele, deren Eltern oder Großeltern den Massenmord an den Juden nicht überlebt haben. Solche Menschen schmerzt der Gedanke sehr, dass in diesem Stadion bei den European Maccabi Games 2015, die größten jüdischen Sportspiele Europas, diverse Wettkämpfe stattfinden. Roger Nussbaum weiß das alles, es war sein Job, solche Gedanken zu berücksichtigen. Roger Nussbaum ist der Mann, der die European Maccabi Games 2015 nach Berlin geholt hat. Vom kommenden Montag an bis zum 5. August finden sie in Berlin statt. 2300 jüdische Sportler und viele tausend Zuschauer werden erwartet.

Der 47-jährige Unternehmensberater sitzt in seinem Büro in der Nähe des Ku’damms und sagt: „Ich hatte die Idee, die Spiele zu holen. Na ja, man kann mich als geistigen Kopf bezeichnen.“ Es klingt überheblicher, als es gedacht ist, Nussbaum sagt auch, dass es natürlich ein Teamwork war. Aber er ist der Mann, der alles vorantrieb.

Als Fußballer hat Nussbaum dreimal bei Maccabi Euro Games mitgemacht

Bei den European Maccabi Games 2011 in Wien, da spürte er, dass etwas passieren müsse, dass auch in Berlin mal diese jüdischen Spiele stattfinden sollten. Nussbaum führte die deutsche Maccabi-Mannschaft in Wien, als Teamchef. Er war seit 1993 auch noch Vize-Präsident von Maccabi Deutschland, und als Fußballer hatte er selber dreimal bei den European Maccabi Games mitgemacht.

In Wien hatte er das übliche Bild gesehen. Die deutsche Mannschaft marschierte ins Stadion, aber sie hatte keine deutsche Fahne dabei, sie hörte keine deutsche Hymne, bei jedem Schritt ins Stadion trug sie unsichtbar die Last der Vergangenheit mit. „Es war immer schwierig, als deutsche jüdische Mannschaft aufzutreten“, sagt er.

Aber die Jüngeren im Team, die wollten diese Gesten der Abgrenzung nicht mehr, sie bestürmten Nussbaum. „Wir wollen mit der deutschen Fahne auflaufen“, sagten sie zu ihrem Teamchef. Sie wollten Identität zeigen, ohne anderen ihre Gefühle abzusprechen. „Da hat sich bei mir der Gedanke entwickelt: Wir müssen die Spiele mal in Deutschland machen“, sagt Nussbaum. Ein hochsensibles Thema. Selbst in Wien noch, also 2011, „war das in der jüdischen Community eigentlich ein undenkbares Thema.“ Bei vielen Älteren zumindest.

Aber Nussbaum arbeitete sich zäh gegen viele Widerstände vorwärts. Sein Netzwerk half ihm, er hatte gute Kontakte zum Bundesinnenministerium, zur Berliner Politik, zu europäischen Maccabi-Funktionären. Und er hat das Glück, dass ihn der Zentralrat der Juden unterstützte wie auch viele wichtige Politiker.

"Gerade in diesem Stadion zeigen wir uns"

Viele Diskussionen kreisten um das Symbol Olympiastadion. Nussbaum respektiert die Kritik an der Wahl des Stadions, er respektiert die Gefühle, aber für ihn ist das Olympiastadion jenes Zeichen des Selbstbewusstseins, das die jüdische Community mit den Maccabi Games präsentieren möchte. „Gerade hier stehen wir, gerade in diesem Stadion zeigen wir uns.“ Gerade an diesem historischen Ort möchten jüdische Sportler zeigen, dass sie gerne in Deutschland leben, dass sie stolz sind, in diesem Land zu leben. Dass sie sich in diesem Land wohlfühlen, und Berlin eine bunte, interessante Stadt ist. „Irgendwann haben viele verstanden, was hinter dieser Idee steckt.“

Viele, nicht alle. Es geht hier auch um Emotionen, nicht bloß um rationale Argumente. Es gibt noch genügend Sportler und Funktionäre, die Probleme damit haben, in Deutschland zu starten. „Alle“, sagt auch Nussbaum, „werden wir sowieso nicht überzeugen können.“ Aber er kennt auch genügend junge Athleten, die „unbeschwert an die Sache herangehen“. Das sind jene Leute, die Berlin cool finden, und die auch zeigen möchten, dass sie gerne in Deutschland leben.

Das Präsidium von Maccabi Deutschland entschied, sich für die Euro Games 2015 zu bewerben, und Nussbaum erklärte, er werde als Organisationschef arbeiten, wenn Deutschland den Zuschlag erhalte. Er ist selbstständig, er hatte sein Büro so organisiert, dass er zwei Jahre aussteigen konnte. 2013 erhielt Deutschland den Zuschlag durch das Exekutivkomitee des Europäischen Maccabi-Verbands. Madrid, der Konkurrent, war geschlagen.

Alle Sportler wohnen im Estrel in Neukölln

Für Nussbaum waren bei der Bewerbung immer drei Punkte wichtig: das Olympiastadion als Sportstätte, ein Maccabi Village und gute Logistik.

Ein Maccabi Village, das hat es noch nie gegeben bei Makkabiaden. Es bedeutet: Alle Sportler logieren unter einem Dach, sie sind nicht in alle möglichen Hotels verteilt und sehen sich höchstens mal auf dem Sportplatz. In Berlin wohnen alle Athleten im Estrel in Neukölln mit seinen 1125 Zimmern. „Das ist ja auch wichtig für die Sicherheit“, sagt Nussbaum. Ein Hotel zu bewachen ist leichter als ein Dutzend. Und dann die Logistik. Nussbaum wird jetzt noch zornig, wenn er an die Euro Games in Rom denkt. Damals hockte die Hälfte der Sportler stundenlang in Bussen oder sie mussten wieder ins Hotel, weil die Busse gar nicht gekommen waren.

Langstrecken-Kämpfer Roger Nussbaum vor dem Olympiastadion.
Langstrecken-Kämpfer Roger Nussbaum vor dem Olympiastadion.Foto: DAVIDS/Guenter Peters

Es werden koschere Mahlzeiten angeboten

Und natürlich spielte auch die historische Note eine extreme Bedeutung. Schließlich findet zum ersten Mal eine Makkabiade in Deutschland statt, 70 Jahre nach Kriegsende ist das auch ein Zeichen der Versöhnung und der Verständigung. Der Besuch von Gedenkstätten ist fester Programmpunkt der Sportler.

Nur Nussbaum wird das Ganze nicht mehr als Organisationschef begleiten. 2013 wurde ein neues Präsidium von Maccabi Deutschland gewählt, aber mit diesem Führungspersonal wollte Nussbaum nicht arbeiten. Er hatte seine Pläne mit den früheren Präsidiumsmitgliedern abgesprochen, er wusste ja nicht, wie viel von diesen Ideen nun noch übrig bleiben würde. Viel. „Zu 90 Prozent“, sagt er heute, „wurden die Punkte des ursprünglichen Konzepts übernommen.“

Geklärt ist auf jeden Fall eine kulinarische Frage. Die Küche des Estrel ist darauf eingestellt, den Sportlern und Funktionären koschere Mahlzeiten anzubieten.

Anlässlich der Makkabiade in Berlin erinnert eine Ausstellung an die Leichtathletin Lilli Henoch - eine der bedeutendsten Sportlerinnen der 1920er Jahre. Die Nationalsozialisten nahmen ihr erst den Lebensinhalt, dann das ganze Leben. Lesen Sie hier unseren Hintergrundbericht zur Austellung.

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Multitalent. Lilli Henoch glänzte in vielen Disziplinen, vor allem im Kugelstoßen.Archiv Martin-Heinz Ehlert

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