Berlin : Eva Felix Müller, geb. 1922

Tanja Buntrock

Das Grauen des Krieges wollte sie übermalen. Eva Felix Müller steht oft vor der Staffelei oder sitzt auf der verschlissenen Couch im Wintergarten, ihrem Atelier, das so wunderbar vom Licht durchflutet wird. Umgeben von Büsten, Aquarellen und Farbtuben denkt sie zurück: Warum male ich so, wie ich male? Warum nicht abstrakt?

Eva Felix Müller will nicht aufrütteln. Die brennende Stadt im Krieg, ihre Flucht über Trümmer und Tote mit der Tochter im Arm: All das spukt durch ihre Erinnerung. Doch malen würde sie es nie. Mit ihren Bildern will sie Schönheit zeigen und Trost spenden - deshalb malt sie Landschaften und Blumen. Immer wieder Blumen.

Als kleines Mädchen kratzt Eva ein Häuschen mit einem runden Dach auf die Schiefertafel und ist entzückt. Dann fährt ein Schwamm darüber - die Mutter macht die Tafel sauber. Einfach so. Weggewischt das kleine Haus. Eva weint.

Als sie sieben ist, stirbt ihr Vater an Tuberkulose. Zwei Jahre später lebt sie mit ihrer Mutter und deren neuem Mann in Berlin. Der Stiefvater, Alt-Philologe, legt viel Wert auf Bildung. Gelesen werden die Klassiker, gesprochen wird nicht selten Latein. Im ersten Kriegswinter macht Eva Abitur, ist voller Tatendrang. Der Traum vom Studium an der Hochschule der Künste zerstäubt: Kriegswichtig musste ein Studium sein. Also schreibt sie sich für Tiermedizin ein. Im ersten Semester lernt sie Luca Felixmüller, Sohn des Expressionisten Conrad Felixmüller, kennen. Hingerissen von der jungen Frau mit dem rotbraun schimmernden Haar, lädt er sie und ihre Freundin zu einem Abendessen ein. Hinterher schickt sich Eva an, den Kaffee aufzubrühen. Doch sie serviert nur hellbraune Plörre. Kein Wunder, wenn man die Spitzbohnen ungemahlen aufbrüht. "Kann man so ein Mädchen heiraten?", fragt der Felixmüller später eine Freundin. Das wird sich einrenken, sagt die. Ein dreiviertel Jahr später sind sie Mann und Frau, Eva nimmt den abgewandelten Künstlernamen Felix Müller an.

Als Luca in den Krieg muss, findet Eva Unterschlupf bei den Schwiegereltern in der Mark. Dort kann sie dem Schwiegervater beim Malen zusehen. Hin und wieder steht Eva mit ihrer ersten Tochter für ihn Modell. Und sie lernt, wie man den Pinsel hält und die Farben mischt. Jeden Tag ein Aquarell, damit die Hand locker bleibt - ein Rat des verehrten Schwiegervaters.

Als Luca aus der Gefangenschaft zurückkommt, bleibt nicht viel Zeit zum Aufatmen. In Leipzig muss das Paar die neue Diktatur fürchten. Am 17. Juni 1953 versucht Luca zusammen mit anderen Aufständischen, in das Untersuchungsgefängnis einzudringen. Drinnen sitzen Bauern, die ihr Soll nicht erfüllt haben. Mit einer Deichsel in der Hand wird Luca von der Stasi fotografiert. Sein Dekan bewahrt ihn vor dem Schlimmsten. Aber zwei Jahre später folgt er doch lieber einem Ruf an die Freie Universität in West-Berlin. Getrennt machen sich Luca und Eva auf den Weg. Er nur mit einer Aktentasche und der Ältesten an der Hand, sie mit den beiden anderen Töchtern. So fallen die Zonenflüchtlinge nicht auf. Eva tut es weh, alles zurückzulassen. Dennoch: Ihre Töchter sollten nicht in dem Land aufwachsen, in dem SED und Stasi herrschten.

Im idyllischen Zehlendorf schrubbt sie nachts die Wäsche. So hat sie tagsüber genug Zeit, mit ihren Töchtern zu basteln, zu töpfern und zu malen. Im Deutsch-Amerikanischen-Frauenclub gründet Eva eine Mal-Gruppe. Eifrig organisiert sie die alljährlichen Auslands-Reisen. New York, Washington, Boston: Eva zuckelt mit ihrer Frauengruppe durch alle bedeutenden Museen der amerikanischen Ostküste. Ein Kunstwerk im Original - dafür ist kein Weg zu weit.

Als die Mauer verschwunden ist, entdeckt Eva die Mark Brandenburg wieder. Bei Wind und Wetter sitzt sie eingemummelt in einer Wolldecke in der Natur und malt: Die Weite des Himmels über den Seen, Feldfurchen im Schnee. Oder sie lässt sich in der Süd-Tiroler Ferienwohnung vom südlichen Flair inspirieren: Die gefalteten Berge, liebliche Täler, bunte Bauerngärten, Palmen.

Als Eva zur Krebsbehandlung im Krankenhaus liegt, zeichnet sie die Stoffschweinchen ab, die Luca ihr mitgebracht hat. Dazu dichtet sie Verse. Das hilft ihr, die Schmerzen zu ertragen. Seit dem Schlaganfall, den sie zuvor erlitten hatte, ist sie gelähmt. Gott sei Dank nur auf der linken Seite, malen kann sie noch. Wieder spenden die Bilder ihr Trost. Dass es für sie keine Hoffnung mehr gibt, weiß sie. Tapfer sieht sie dem Tod entgegen und wählt schon ein Jahr zuvor den Spruch für ihr Grab aus: Hier ruht in Gott Eva Felix Müller.

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