Berlin : Eva Fischer (Geb. 1913)

Max schenkt ihr einen Terrier und gewinnt endgültig ihr Herz.

Judka Strittmatter

Sie wollte studieren, Tierärztin werden, aber dann fügte sie sich den Zeiten. Eva Fischer wurde Mutter und Hausfrau. Das Geld des Vaters, der Sanitätsrat und guter Freund von Heinrich Zille war, reichte nur fürs Studium der Geschwister, Eva, der Jüngsten, blieb der Lehrberuf. Röntgenassistentin. Als solche arbeitete sie nicht lange. Beklagt darüber hat sie sich kaum. Als ihre Kinder erwachsen waren, gestand sie immerhin, dass sie sich die Prioritäten ihres Lebens andersrum ersehnt hätte: Erst die Tiere, dann die Kinder, dann der Mann.

Max Fischer hat schon Erfahrungen mit Frauen, als er sie umwirbt. 24 Jahre älter ist er. Beim Klettern im Deutschen Alpenverein, Sektion Berlin, kommen sie zusammen. Touren zum Watzmann und zum Wilden Kaiser in Kordsamt-Knickebocker, Pulli und Filzhut mit Edelweiß. Einmal ein Unfall: Eva rutscht ab, Max kann sie knapp halten.

Später müssen auch die Kinder in die Berge, die Fischers lieben alles, was erfrischt und stärkt. Auch das Meer, Usedom, Zinnowitz. Die Fotoalben der Familie erzählen vom Widerspruch des Alltags: hier das heitere Familienglück, dort die Horrormeldungen aus einer Welt im Kriegszustand.

Max ist zweiter Violinist an der Staatsoper, Eva gut versorgt. Zur Verlobung schenkt er ihr einen Terrier und gewinnt endgültig ihr Herz. Eva und die Tiere! 13 Hunde wird sie haben, insgesamt. Mit ihren Kindern besucht sie oft den Zoo. Gut in Erinnerung, ein Schreckmoment: Ihr Arm verschwindet im Rachen von Knautschke. Sie hat dem Nilpferd ein Brot gereicht. Knautschke ist zu der Zeit der Zoo-Promi – und beinahe zahnlos. Die Sache geht gut aus.

Um ihre Eltern werden die Fischer-Kinder oft beneidet. Mehr als die Strenge regiert die Toleranz im Hause Fischer. Ihrem Jüngsten, Michael, der mit 20 Revoluzzer ist mit langen Haaren und vielen Mädels, baut Eva zunächst ahnungslos das Hanf in ihrem Garten an, wird später aufgeklärt über die Pflanze und zieht dann selbst am Joint. Die Geliebten der herangereiften Kinder dürfen bei den Fischers übernachten, in den Sechzigern eine unerhörte Lässigkeit. Vielleicht steckt doch mehr Emanzipation in Eva Fischer, als sie selber glaubt? Immerhin trägt sie schon Hosen, als Frauen züchtig Rock und Kleid vorzogen.

Eine Glucke ist sie auch, wenn auch keine Kuschelmutter. Bei ihr geht Liebe durch den Magen. Ihre Braten! Ihre Torten! Selbst ihre Brotsuppe süß-sauer in Hungerszeiten nach dem Krieg – ein Gedicht. Die Kinder schwärmen heute noch. Auch im Garten all die Jahre, so ein schneller Teller, frisch aus der Erde quasi: Gurkensalat, Kartoffeln – die pure Sinnenfreude.

Im Krieg halten die Eheleute Fischer politisch still, sie wollen überleben. Von der Front bleibt Evas Mann verschont, in der Oper ist er unabkömmlich. Eva und die Kinder werden 1944 zur thüringischen Verwandtschaft evakuiert.

Zu Kriegsende ist die Familie ausgebombt wie viele andere Berliner. Auch die Fischer-Kinder spielen in Ruinen. Die Geschichte ihrer Nachkriegskindheit erzählt ein Buch von Gudrun Küsel. Das wartet auf mit unglaublichen Details: Auch der Zoo war zerbombt und die Tiere tot oder auf Alleingang in der Stadt unterwegs. „Es gingen Gerüchte über entlaufene Krokodile im Landwehrkanal.“ Und Tierflüsterer Bernhard Grzimeks Berliner Wohnung „wurde zur Arche für Wölfe, Schimpansen, Orang Utans“.

Die Fünfziger zwingen den Fischers eine Entscheidung ab. Der Staatsoper laufen die Musiker weg, sie wollen ganz im Westen sein, auch zum Arbeiten. Max Fischer muss sich nun als Freiberufler durchschlagen. Das ist nicht einfach, der Familie bleibt wenig Geld. Bis er Mitglied im Radio Symphonie Orchester wird; und schließlich ruft auch Bayreuth.

1983 stirbt Max mit 91, er ist dement am Ende. Bei Eva ist es mehr als 20 Jahre später andersrum: Sie ist fit im Kopf, doch die Beine wollen nicht mehr. Als Hündin Feh auch von ihr geht, erleidet Eva Fischer einen Schlaganfall. Nun will auch sie nicht mehr. Judka Strittmatter

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