Berlin : Eva Fischer

Alfred gab das nächste Ziel vor, und sie suchte den Weg dorthin

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Fleißiger hätte sie sein müssen in der Schule. Ihren Eltern eine bessere Tochter sein. Doch sie ging lieber zum Sport, traf sich mit ihren Freunden vom zionistischen Jugendverband, blieb ein „Wiener Schlamperl“. 1937 gewann sie den Schülerpreis beim Slalomlauf in Schladming. In Mathe war sie ausgezeichnet, in Geografie allerdings „eine völlige Versagerin“.

Solche Dinge gingen ihr durch den Kopf, als sie im Jahr 2008 mit einem Freund im Wiener Holocaust-Archiv die Transportlisten mit den Namen ihrer Eltern, der fünf Tanten und des Onkels einsah. Sie war die Einzige aus ihrer Familie, die die Nazi-Zeit überlebt hatte. Der letzte Brief der Eltern, geschrieben auf dünnem, faserigem Papier im Lubliner Ghetto, datiert vom Oktober 1941.

Angefangen mit kleinen Nadelstichen, dann immer brutaler hatte sich Evas heile Kindheitswelt in Trümmer aufgelöst. Nach der Pogromnacht 1938 kam der Vater für drei Monate ins KZ Dachau. Als er entlassen wurde, blieben nur noch wenige Wochen bis zur endgültigen Trennung. Für Eva tat sich ein Schlupfloch in die Freiheit auf. Ihr Zug verließ den Wiener Westbahnhof am 22. Februar 1939 um 14.28 Uhr. Auf dem Bahnsteig hatte sich die Familie versammelt. Ein trauriger Moment für das 17-jährige Mädchen, aber erst mit den Jahren füllte sich das Datum mit der Schicksalslast eines ganzen Lebens. Die Abfahrt nach England erschien ihr später wie eine zweite Geburt.

In London lernte sie englische Stenografie und fand eine Anstellung bei einer jüdischen Hilfsorganisation. Ein Schilling am Tag fürs Fahrgeld, einer fürs Mittagessen, das war der Lohn. An einem Vortragsabend lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, den Journalisten und jüdischen Exil-Berliner Alfred Joachim Fischer. Aus heutiger Sicht war er wohl ein Macho, aber Eva fand den zehn Jahre älteren Mann attraktiv, und schließlich herrschte in London Männermangel.

Eva stenografierte die Interviews ihres Mannes, tippte und redigierte seine Artikel. Vor allem musste sie kürzen, weil Alfred zur Ausschweifung neigte. Ihre Rolle als „angeheiratete Infrastruktur“ nahm sie mit Humor. Als Alfred krank im Bett lag und Abgabetermine für die „Schweizer Illustrierte Zeitung“ näher rückten, traute sie sich dann doch, Politikern als Journalistin zu begegnen. Sehr aufregend fand sie das, aber kein Grund, das eingespielte Sekretärinnen-Verhältnis zu ihrem Gatten infrage zu stellen.

Als scheinbar unbeteiligte Beobachterin war sie dabei, wenn Alfred Tito, Adenauer, Ben Gurion oder Nehru interviewte. Als „reisende Korrespondenten“ zogen sie durch mehr als 50 Länder, von Grönland bis Vietnam. „Ein tolles Leben“, sagt Eva später. Alfred gab das jeweils nächste Ziel vor, und sie suchte den Weg dorthin.

1948 fuhren sie zum ersten Mal nach Deutschland. In Hamburg waren sie Ehrengäste der „Zeit“-Redaktion, in Berlin trafen sie die Gründer des „Tagesspiegels“. Ein gewisser Klaus Bölling, „Tagesspiegel“-Redakteur, übergab ihnen ihr Honorar.

Wenig später waren sie in Wien. Eva lief durch die Straßen ihrer Kindheit und betrachtete die intakten Fassaden der Häuser, in denen ihre Tanten, die Eltern und sie selbst gelebt hatten.

Weiter nach Israel, wo Eva ihrem Mann zu einem Scoop verhalf. Als sie vor dem Büro des israelischen Militärgouverneurs warteten, belauschte sie ein Gespräch auf Hebräisch: Außenminister Sharett werde morgen nach Deutschland reisen, um mit Adenauer ein Restitutionsabkommen zu unterzeichnen. Sharett war noch nicht angekommen, da stand die Nachricht auf der Titelseite der Münchener „Neuen Zeitung“.

Kofferpacken, Flugtickets besorgen, Einkaufen, Gäste bekochen, Termine machen, die Post erledigen: Fürs Alltägliche war Eva zuständig. Sie war zufrieden damit und freute sich über die Erfolge ihres Mannes. Inzwischen war sie zur technischen Direktorin des gemeinsamen Unternehmens aufgestiegen; sie bediente das große Aufnahmegerät – Alfred machte inzwischen auch Rundfunkbeiträge – und archivierte die Tonbänder.

1961, im Jahr des Mauerbaus, kauften sich die beiden Reisenden in West-Berlin eine Wohnung, die künftig als Ruhepol für ihr unstetes Leben dienen sollte. 30 Jahre später zogen sie dort Bilanz über ihr gemeinsames Leben. Alfred schrieb ein Buch, Eva tippte es ab. Ihr ist das Buch gewidmet: „Für Eva, meine liebe Frau und unentbehrliche Mitarbeiterin“.

Das Leben nach seinem Tod führt sie unerschrocken weiter. Sie hat ja viele Freunde überall in der Welt, und es kommen noch immer neue hinzu. Noch im Pflegeheim empfängt sie mehr als 300 Mal im Jahr Besuch. Und doch klagt sie immer häufiger über Einsamkeit und Traurigkeit. Die Nachbarn seien ja schon größtenteils dement. Sie hingegen ist stolz auf ihr lexikalisches Wissen, all die Staatslenker und Großereignisse, mit denen sie zu tun hatte. Als sie Günther Jauch guckt und plötzlich den aktuellen Bundespräsidenten nicht mehr weiß, ahnt sie, dass fernsehgestütztes Gehirnjogging und Tagesprotokolle im Notizbuch irgendwann auch nicht mehr helfen. In den letzten Monaten ihres Lebens probt sie mit einem jüngeren Freund, den sie zum Nachlassverwalter ernannt hat, schon mal die Beerdigung und alles, was danach zu tun sein wird.

In einem Urnengrab ist sie bestattet, nicht weit von Alfred entfernt, anonym. Sie hatten ja keine Kinder, die um sie trauern würden. Thomas Loy

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