Berlin : Eva Stenke-Gebauer (Geb. 1941)

Sie hatte das ästhetische Gespür, er kannte die Zolltabellen auswendig.

Stephan Reisner

Ihr Vater, ein Tischler, teilte oft grundlos Schläge aus. So lernte sie schon früh, kleinste Zeichen zu deuten. Später genügte ihr ein kurzer Blick, um jemanden einzuschätzen. Abgelaufene Ledersohlen bei einem Bewerber auf die Geschäftsführung? Das kann nichts werden. Als „Kreativdirektorin“ und Teilhaberin von drei Modegeschäften kam ihr ihre Beobachtungsgabe zugute, genauso wie ihr feines Gespür für Trends.

„Ich will nie wieder arm sein!!“, sagte Eva zu ihrem Freund Mollo Mitte der sechziger Jahre. Mit ihm war sie auf dem richtigen Weg. Mollo kannte sich aus in fernen Ländern und hatte den Kopf voller Ideen. Sie heirateten, kassierten das West-Berliner Ehestandsdarlehen von 3000 Mark, um es sogleich in einen VW-Bus zu investieren.

Den Bully voller knitterfreier Polyesterhemden knatterten sie über die Autobahn, Ziel Istanbul. Die Hemden verkauften sie noch auf der Fahrt an Tankstellen, so dass der Stauraum für die Rückfahrt wieder komplett zur Verfügung stand. Die grob gegerbten Lammfelljacken aus der Türkei stanken zwar erbärmlich, verkauften sich aber prächtig bei den Studenten vor der Mensa am Steinplatz.

Die Reiseziele wurden ferner, das Sortiment bunter. Eva und Mollo fuhren bis Afghanistan, kauften Teppiche, ungebleichte Baumwollhemden, grobe Hirtenstiefel, bunten Schmuck und alles, was exotisch und beseelt anmutete. Sie hatte das ästhetische Gespür, er kannte die Zolltabellen auswendig. Eine Tour dauerte höchstens drei Wochen; das gemeinsame Kind blieb derweil bei den Großeltern. Oft schliefen sie zwischen den Kleiderbergen im Wagen; ein warmes Bad kostete doppelt so viel wie eine Übernachtung.

In Kabul lernten sie andere Hippie-Dealer kennen, die sich nicht nur für bunte Stoffe und orientalische Spinnräder interessierten. Aber von Geschäften mit deutschen Gebrauchtwagen und Schwarzem Afghan ließen sie dann doch die Finger. Ein befreundeter Entwicklungshelfer in Kabul investierte eine fünfstellige Summe, Mollo versprach eine Rendite von hundert Prozent und zahlte sie pünktlich nach zwei Monaten aus. Als die Einkaufsroute nach Indien erweitert wurde, stiegen sie aufs Flugzeug um und verschickten ihre Einkäufe per Container. Anfangs hatten sie die Sachen in ihrer Wohnung in der Bleibtreustraße gestapelt und auch verkauft. Als sie es sich leisten konnten, mieteten sie den Laden am Savignyplatz und nannten ihn „Bale Bale“.

Ende der Siebziger hatten sie auch Süd- und Mittelamerika erschlossen, doch die Postmoderne interessierte sich nur mäßig für peruanische Ponchos und mexikanische Hängematten. In Afghanistan marschierten die Sowjets ein, und am Savignyplatz ging die bislang so unkomplizierte Kundschaft der Achtundsechziger dazu über, sich für Design- und Markenprodukte zu interessieren. Noch behaupteten sich Eva, Mollo und ein dritter Geschäftspartner mit chinesischen Samtschuhen und neumodischer Katzenstreu. Doch schließlich ließ sich Mollo ausbezahlen und kaufte einen Hof auf Sardinien, um Ziegenzüchter zu werden. Dorthin lud er alle Jahre Eva und den Sohn ein.

Eva, neu verliebt in Berlin, besann sich auf das, was sie seit ihrer Jugend am liebsten mochte: Schöne Dinge, schöne Kleider. Als Friseuse und Model hatte sie einmal angefangen, nun führte sie drei Modegeschäfte, jedes anders ausgerichtet. Als sie ihr zweites Kind erwartete, eröffnete sie eine Kinderabteilung. Doch wo sie vor Kreativität und Inspiration nur so sprühte, da versiegte ihr Enthusiasmus, wenn es um Zahlen ging. „Alles über 10 000 ist für mich viele!“, sagte sie. Beherzt rüttelte sie auf großen Modemessen an den Garderobenstangen und suchte die schönsten Einzelstücke hervor. Um realistische Einkaufsmargen und eine ausgeglichene Buchhaltung kümmerte sie sich nicht.

Ende der Neunziger musste sie ein Geschäft nach dem anderen schließen. Schweren Herzens widmete sie sich einem neuen Lebensabschnitt und begann ein Studium der Heilpädagogik. Jemandem tief in die Augen zu blicken und ihm zu sagen, was ihm fehle, das lag ihr. Viel schwerer fiel es ihr, die Papiere für die Prüfungsanmeldung zu ordnen. Als sie endlich soweit war, sich den Examensfragen zu stellen, kam der Krebs. Stephan Reisner

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