Berlin : Eva Wenzke (Geb. 1926)

„Ach Ottiken, dit is’ die Ruthelmaus. Die steht immer nur auf’m Kopp.“

Anselm Neft

Strahlend blau spannt sich der Himmel über Lankwitz. Evas „Ottiken“ fährt wie beinahe jeden Tag hinaus zur Laube mit dem 500-Quadratmeter-Garten. Seine 85 Jahre sieht man ihm nicht an: Braungebrannt, fit, modisch gekleidet und gut gelaunt. Genau wie seine Frau, die Punkt 12 Uhr 30 das Essen auf den Tisch stellt. Als Otto nicht kommt, schwant Eva nichts Gutes. Ihr Mann ist sonst so pünktlich wie sie. Sie finden ihn auf dem exakt gestutzten Rasen zwischen Obstbäumen und Blumenrabatten. Herzinfarkt, sagen die Ärzte. Eva ist allein.

Kennengelernt haben sich Eva und Otto bei Standard Elektronik Lorenz. Eva arbeitete dort inmitten von Männern als Konstrukteurin, Otto bildete den Nachwuchs in Feinmechanik aus. Als sie heirateten, war Otto 40 und hatte das Schlimmste hinter sich: Armee, Front, Gefangenenlager, Stalingrad. Einer Verwundung und dem anschließenden Abtransport verdankte er sein Leben. Und einem Löffel. Otto erzählte, dass im Gefangenenlager manchmal nur der essen konnte, der einen Löffel hatte. Jahrzehnte später nahm Eva hin und wieder Besuch beiseite und bat darum, die Teller leer zu essen. „Onkel Otti kann das nicht ertragen.“ Eva kannte die Schrecken des Krieges. Ihr Vater kehrte nie von der Front zurück. Ihre Mutter schlug sich mit Eva und deren zwei Jahre jüngerer Schwester Ruth durch, als Berlin im Chaos versank.

Bei den geselligen Runden im Garten der Wenzkes war die Kriegszeit selten ein Thema. Es gab anderes zu besprechen. Nur Ruth, Yogalehrerin, Wahlschottin und Veganerin, brachte bei ihren sommerlichen Besuchen Spannungen mit, wenn sie mit Otto über die Nazis diskutieren wollte. Eva sagte: „Ach Ottiken, dit is’ die Ruthelmaus. Die steht immer nur auf’m Kopp.“

Als „Großnichte“ Hanna für die Schule ein Referat über „Die Rolle der Frau im ,Dritten Reich‘“ schrieb, bat Eva sofort um einen Ausdruck. Über ihre Gedanken dazu schwieg sie sich aus. Dabei war Eva keinesfalls auf den Mund gefallen. Besonders beim Würfelspiel. Freunde und Verwandte wussten, was die Stunde geschlagen hatte, wenn Eva, einen karierten Block in der linken, eine rote Geldbörse und Würfelbecher in der rechten mit leuchtenden Augen an den Tisch trat. „Wanzen würfeln“ oder „10 000“. „Hanneken, dit is ja lächerlich, wasde da würfelst.“

Gerade die Jugendlichen aus der Verwandtschaft liebten diese Würfelsonntage und konnten sich nicht daran gewöhnen, dass auf einmal ein Teil der Worte „Tante Eva und Onkel Otti“ heruntergeschluckt werden musste. Plötzlich saß Eva allein in der Wohnung und konnte nicht einmal mehr über Wellensittich Koki den 24. lachen, wenn er das Signal der Mikrowelle imitierte. Das Essen schmeckte nicht mehr, die Stille war unerträglich. Selbst den Garten wollte Eva verkaufen. Lange Telefonate waren die rettenden Inseln an Tagen, in denen Eva wie in einem Ozean trieb. Immer schon akkurat, begann Eva Anrufzeiten und Gesprächspartner zu notieren. Lückenlos konnte sie zurückverfolgen, wer sie wann angerufen hatte und wer nicht. Eva besaß einen Wandkalender, in dem Geburtstage notiert waren, einen Tischkalender für Termine aller Art und einen Tischkalender, in dem sie das Wetter dokumentierte. Ältere Jahrgänge bewahrte sie auf. Kontoauszüge rechnete sie noch einmal nach. Sie verglich Handytarife und wusste, zu welchen Stunden Telefonate am günstigsten waren. Mit Vorliebe verschickte sie SMS, die sich wie Briefe lasen: „Liebe Ingrid, vielen Dank für Deine letzte SMS …“

Die Telefonate zeigten Wirkung: Eva behielt den Garten, nahm die Arbeit daran wieder auf. Im Garten fühlte sie sich Otto nah. Schlimm waren die Winter.

Als ihr andere rieten, ins „betreute Wohnen“ umzuziehen, rief sie „Da sind ja nur alte Leute!“, stimmte dann aber zu: „Man muss alte Menschen zu ihrem Glück zwingen.“ Bei ihrem ersten Besuch im Otto-Dibelius-Stift steckte Eva ihren Kopf in das Appartement eines Herren: „Tach. Mein Name is’ Wenzke. Sie werden vielleicht mein Nachbar.“

Auch den Ärztinnen und Ärzten schrieb sich Eva ins Gedächtnis: Wie sie mit lückenlos abgehefteten Krankenakten und einer handgeschriebenen Anamnese wedelte und aus Fachartikeln über ihre Krebserkrankung zitierte. Nach der Operation blieb eine halbseitige Gesichtslähmung zurück, die sie beim Essen und Trinken behinderte. Das Wichtigste aber war die Ästhetik: Eva zensierte Fotos, auf denen sie nicht „flott“ genug aussah.

Nach Weihnachten wurde Eva immer schwächer. Sie hielt Ingrids Hand, weinte und wollte nicht mehr. Bei ihrer Aufnahme im Krankenhaus wurde sie dann plötzlich albern. Von „der Sauerstoffdröhnung“, wie sie sagte. „Sie sind ’ne janz Liebe“, ließ Eva noch eine der Krankenschwestern wissen, bevor sie einschlief. Wer Eva kannte, neigt zu der Annahme: Das Aufwachen vergaß sie absichtlich. Anselm Neft

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