Evangelischer Landesbischof : Markus Dröge: Der neue Hirte

Markus Dröge wird im November evangelischer Landesbischof von Berlin und Brandenburg. Eine Begegnung.

Claudia Keller

In der großen Villa in Koblenz mit Freitreppe, Stuck und knarzendem Parkett packt der Hausherr selbst mit an. Zu warten, bis andere die Arbeit tun, ist nicht seine Sache. Markus Dröge nimmt beherzt das Tablett und verteilt Sektgläser an die Gäste. Als alle versorgt sind, lehnt er sich an einen Stehtisch und lächelt zufrieden. Es gibt etwas zu feiern: Wo bislang jeder für sich alleine wurschtelte, wird künftig zusammengearbeitet.

Ob es wie an diesem Oktobertag um die Diakonischen Werke im Rheinland geht oder um Pfarreien, man hätte natürlich schon früher Netzwerke knüpfen, sich absprechen und gemeinsam handeln können. Aber es brauchte erst diesen kleinen Mann mit dem leisen Schritt, damit etwas daraus wird. Es brauchte erst Pfarrer Markus Dröge: Moderator, Integrator, Menschenfischer. Sitzungen, die er leitet, sind keine Laberrunden, sondern dynamische Arbeitsprozesse. Reformen, die er anstößt, verlaufen nicht im Sande. Das sind gute Nachrichten. Denn am 14. November wird Markus Dröge zum neuen Berliner Bischof gekürt. Vor einem halben Jahr hat ihn das Kirchenparlament zum Nachfolger von Bischof Wolfgang Huber gewählt, der mit 67 Jahren in den Ruhestand geht.

„In welchen Gottesdienst sollen wir gehen, wenn er weg ist“, fragen Jugendliche in Koblenz. „Wir geben unseren besten Mann“, sagen Pfarrer und Ehrenamtliche. Und selbst die, denen er Gelder gekürzt und Stellen weggenommen hat, sind traurig, dass er geht. Sowas muss man erst mal hinkriegen.

Markus Dröge ist 55 Jahre alt, schmal, und hat ein weiches Gesicht mit vollen Lippen. Er ist nicht gerade groß und muss zu vielen Gesprächspartnern aufschauen. Seine Autorität scheint davon unberührt. Seit 25 Jahren ist er Pfarrer in Koblenz, seit fünf Jahren leitet er den größten Kirchenkreis, er wurde als Nachfolger des obersten Chefs der rheinischen Landeskirche gehandelt. In Koblenz war er für 60 Pfarrer, 50 Mitarbeiter und 86 000 Protestanten zuständig. In der Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz werden es 1000 Pfarrer, 7600 Mitarbeiter und 1,2 Millionen Protestanten sein.

„Hoffentlich schaffe ich das“, sagt Markus Dröge am Stehtisch in seiner herrschaftlichen Dienstvilla mit Blick auf Pappeln und Rhein. Seit ein paar Wochen hat er zwei Kalender. In dem einen sind die Tage gefüllt mit Abschieden, in dem anderen stehen schon die Antrittsbesuche bei Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck. Den Sommerurlaub hat er dieses Jahr nicht mit Wandern in den Bergen zugebracht, sondern zu Hause mit Akten der Berliner Landeskirche; um zu lesen, was in der Stadt los ist, hat er den Tagesspiegel abonniert. Auch eine Wohnung hat er gesucht und in der Wilhelmstraße gefunden, im Kreuzberger Teil. Im November wird er erst mal alleine nach Berlin ziehen. Seine Frau, eine Zahnärztin mit eigener Praxis, und seine elfjährige Tochter kommen im Sommer nach. Der Sohn macht im Frühjahr Abitur, die ältere Tochter studiert.

Statt Sommerurlaub hat der künftige Bischof auch die leitenden Geistlichen in Berlin, Potsdam, Cottbus und Görlitz besucht und gleich ein Zeichen gesetzt: Alle sind gleichermaßen wichtig. Das dürfte wohl besonders die Brandenburger und Lausitzer gefreut haben, die sich oft im Schatten der Großstadt fühlen.

Aber noch ist Markus Dröge in Koblenz. Der Sektempfang ist zu Ende, Dröge lenkt seinen Dienstwagen, einen blauen Opel Corsa, in die Innenstadt, um der Besucherin seinen Lieblingsort zu zeigen: die Florinskirche. Vor 25 Jahren hat er hier als junger Pfarrer mit Jugendlichen liturgische Nächte gefeiert, später Künstler in die mittelalterliche Kirche gelockt, im Garten Sommerkonzerte veranstaltet und das Bauwerk zur begehrten „City-Kirche“ gemacht, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. „Mein Konzept ist: Ich habe kein Geld, keine Mitarbeiter, aber ich habe diese fantastische Kirche und ein paar Ideen“, sagt Dröge und breitet die Arme in die weite Halle hin aus. Es hat funktioniert. Auch weil der Herr Pfarrer ein Gespür für Räume hat. Und auch für die stillen Sehnsüchte von Menschen, auch für die eigenen.

Zum Beispiel vor 20 Jahren. Als die Mauer in Berlin fiel, war Markus Dröge 35 Jahre alt. In Koblenz war das Ereignis weit weg. Und doch fragte er sich, was er denn jetzt predigen solle, da sich die Welt grundlegend verändert hatte. „Ich hatte das Gefühl, ich sollte mich theologisch neu aufstellen“, sagt Dröge und auf seiner Stirn ziehen Falten auf, wie immer, wenn er konzentriert nachdenkt. Er reduzierte die Pfarrersarbeit, pendelte fünf Jahre lang zur Universität nach Heidelberg und verknotete Beruf und Familie noch mit einer Doktorarbeit. „Es war ein Risiko, keiner wusste, was dabei rauskommt“, sagt Dröge und setzt sich auf die Stufen vor den Altar der Florinskirche. Die Vielfalt der Kirchen und Glaubensformen und wie der Heilige Geist in ihnen wirkt, war das Thema, bei dem er neu „Feuer fing“, zuerst an der Theorie und dann auch an der praktischen Arbeit. Seitdem ist ihm das Verhältnis zu katholischen und jüdischen Gemeinden sehr wichtig geworden. In Berlin will er auch Moscheegemeinden einbinden.

Sich immer wieder neu erfinden und alle paar Jahre neue Aufgaben übernehmen, ist bei den Dröges Familientradition. Sein Vater war Diplomat, Markus Dröge wuchs in Washington, Paris, Bonn und Brüssel auf. Der Großvater saß bis 1933 für die SPD im Reichstag und gehörte nach dem Krieg im nordrhein-westfälischen Landtag zu den Förderern des jungen Johannes Rau.

Auch das gehört in der Familie selbstverständlich dazu: in der Öffentlichkeit zu stehen und beobachtet zu werden. Er habe gelernt, etwas Besonderes zu sein und sich gleichzeitig in eine Gemeinschaft einzufügen, sagt Dröge beim Kaffee in der Nähe der Florinskirche. Das war nicht immer einfach. Zum Beispiel beim Cowboyspielen mit den amerikanischen Kindern in Washington. Alle waren mit Spielzeuggewehren ausgestattet, nur er nicht, sagt Dröge. Der Vater war schließlich Diplomat geworden, um die Welt von der neuen Friedfertigkeit Deutschlands zu überzeugen.

„Wenn ich den bequemen Weg gehen würde, hätte ich nicht mit 40 eine Doktorarbeit geschrieben, dann würde ich jetzt nicht Bischof werden“, sagt Dröge. Dann hätte er es sich auch bei der Verweigerung des Bundeswehrdienstes einfacher gemacht. Während sich andere ein paar Gutachten von Lehrern oder Ärzten besorgten und mit dem Gebot „Du sollst nicht töten“ argumentierten, arbeitete sich Markus Dröge erst mal durch die Schriften des Berliner Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Weil er nicht den üblichen Weg ging, klappte es mit der Verweigerung erst beim zweiten Versuch, aber Dröge wusste nun, dass er Theologe und Pfarrer werden wollte.

„Du wirst hoffentlich nicht so ein Frömmelnder“, habe ihm sein kirchenferner Vater mit auf den Weg gegeben, als er zum Studium nach Bonn aufbrach. „Dem konnte ich doch nicht sagen: Dein Leben ohne Gott ist nicht sinnvoll“, sagt Dröge. Er akzeptiert, wenn andere anders leben wollen. Auch das ist wohl eine hilfreiche Sicht der Dinge für einen Bischof in Berlin. Das heißt aber nicht, dass Dröge nicht weiß, was er will. Als Leiter des Kirchenkreises in Koblenz hat er in einem Jahr ein Spar- und Reformkonzept entwickelt und durchgesetzt, an dem andere zuvor jahrelang gescheitert waren. In seinem Büro hängt ein Schild, golden gerahmt. Darauf steht: „Nach eingehender Prüfung moderner Kommunikationsmittel haben wir uns für eine Technik entschieden, die an Effizienz unerreicht ist: zwei Menschen, Sessel, Zeit.“ So hat er sie alle eingebunden, mit Geduld, Konsequenz und Argumenten, sagen Pfarrer und Ehrenamtliche, Kirchenparlamentarier und Mitarbeiter. Sein Kirchenkreis ist jetzt so aufgestellt, dass bis 2015 wohl nichts mehr eingespart werden muss. Der sanfte Macher Dröge hat Konzepte entwickelt, die nun als Modell für die ganze Landeskirche gelten. Auch in Berlin wurde unablässig gespart und reformiert unter Bischof Wolfgang Huber. Wer dachte, ach, da kommt jetzt einer vom Land, der wird uns in Ruhe lassen, hat sich wohl getäuscht. „Der Reformprozess in Berlin wird weitergehen“, sagt Dröge. Eine Alternative gebe es nicht.

„Wann müssen Sie denn nach Berlin“, fragt ein Koblenzer herüber. „Dann werden wir Sie immer im Fernsehen sehen.“ Dröge winkt ab und trinkt seinen Cappuccino zu Ende – gelassen und mit viel Ruhe, als wäre der Amtswechsel noch Monate hin. Ob er nervös sei wegen all der Aufgaben, die auf ihn zukommen? „Schon“, sagt er. Das könne man etwa am Verbrauch von Gummibärchen ablesen, die er so gerne isst. Nun noch mehr als in ruhigen Zeiten. Ab und zu sind nun auch Gummibärchen in Form der Ost-Ampelmännchen darunter. Die hat er sich aus Berlin mitgebracht.

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