Berlin : Every Bürgers Darling

Bei Außenminister Frank-Walter Steinmeier standen die Besucher Schlange

Armin Lehmann

Er kommt, und es gibt Applaus. Vielleicht liegt das ja am Amt des Außenministers, vielleicht bekommt jeder deutsche Außenminister Applaus. Und vielleicht wird auch jeder deutsche Außenminister irgendwann beliebtester Politiker des Landes. Der da kommt, Frank-Walter Steinmeier, sieben Jahre lang Chef des Kanzleramts von Gerhard Schröder, hat es innerhalb von neun Monaten zum beliebtesten Politiker geschafft. Dabei kannte die Öffentlichkeit ihn vorher kaum. Im Foyer des Auswärtigen Amtes ist es am Samstagnachmittag so voll wie im Berufsverkehr in der U-Bahn. Dicht an dicht stehen die Menschen, um einen zu sehen, den man sonst ja nur aus dem Fernsehen kennt, und um zu gucken, wie einer sagt, was der Mann denn nun an sich habe.

Ja, was? Joschka Fischer, sein Vorgänger, hatte Terracotta auf den Büroboden legen lassen, Steinmeier hat schwarzen Teppich drüber gelegt. Unten im Foyer wird er später sagen, der Teppich sei ihm lieber, weil der ein Büroklima erzeuge. Aber man kann das ganze Zimmer auch als Statement sehen, weil es wunderbar zu der Beschreibung passt, die man bisher vom Außenminister so kennt. Die Einrichtung ist dezent, zurückhaltend, aber mit Stil. Sie ist in schwarz und grau gehalten, ein bisschen abstrakte Kunst, eine bronzene Statur von Willy Brandt, „mein Vorbild“, und ansonsten? Ruhige Arbeitsatmosphäre.

Ruhig ist auch eine Eigenschaft, die man dem einstigen Einflüsterer Schröders nachsagt. Dabei ist der Mann ständig in Hektik und unterwegs und hat seit Amtsantritt schon ein paar Krisen hinter sich bringen müssen. Woher kommt da die Ruhe? „Die müssen Sie in sich tragen“, sagt er. Dann tippt er auf seinen Bauch, lacht meckernd und gibt zu, dass ihm ein bisschen Bewegung zum Ausgleich fehlt.

Wenn man ihn so nahe sieht und neben ihm steht, glaubt man, dass er in sich ruhen kann. Er ist nicht sehr groß, aber kräftig, er steht meist breitbeinig da. Er kann schon lächeln wie ein Kanzler, aber die Nachfragen zu einer solchen Karriereplanung hält er für „Quatsch“. Die Sozialdemokraten, denen er angehört, werden das anders sehen.

Wann so einer aufsteht? Wenn er in Deutschland ist, morgens um halb Sechs. Schließlich muss die Tochter um kurz nach Sieben zur Schule gehen. Dann geht er auch. 45 Minuten bis zum Büro, er liest Zeitungen, bereitet Termine vor. Er sagt das so, als sei er ein ganz normaler Angestellter. Ist er aber nicht mehr, die Menschen wollen jetzt nämlich Fotos mit ihm machen. Das hätte er vor einem Jahr selbst nicht gedacht, dass er, der Strippenzieher, Polit-Star wird und für manchen zum Hoffnungsträger. Man weiß nicht, ob er seine neue Rolle mag, aber der Fototermin mit Bürger macht ihm Spaß. Entertainer ist er nicht, aber witzig kann er sein. Und zuverlässig. Als die Dorfkinder aus seinem Heimatort Brakelsiek, 1000 Einwohner, ihn, den Vielbeschäftigten, schriftlich um einen WM-Ball baten, war der ein paar Wochen später da: mit Unterschriften aller Nationalspieler.

Und was macht so einer nach der Karriere, will ein Bürger wissen. Den Rucksack schnallen, auf einen Berg steigen, sinnieren, was kommen kann. Die Kanzlerin steigt auch auf Berge.

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