Berlin : Ewige Vorurteile

Antisemitische Sprüche von Schülern beunruhigen viele Lehrer - große Nachfrage nach Fortbildung

Susanne Vieth-Entus

Das Gespenst von der „Jüdischen Weltverschwörung“ feiert Wiederauferstehung unter Jugendlichen – neben anderen Vorurteilen. „Die Juden beeinflussen uns und sitzen überall“, sei eine gängige Vorstellung, die man immer häufiger zu hören bekomme, berichtet Sanem Kleff vom Projekt „Schule ohne Rassismus“. Heute werden sich rund 50 Lehrer in der Friedrich-Ebert-Stiftung treffen, um „pädagogische Strategien gegen Antisemitismus“ und die damit zusammenhängenden Vorurteile zu erarbeiten.

Das Interesse an der Fortbildungsreihe ist enorm. „Wir haben eine riesige Nachrückerliste“, heißt es aus der Ebert-Stiftung. Außerdem hätten sich sehr viele Zeitzeugen angeboten, um in den Schulen dem neu erwachenden Antisemitismus entgegenzutreten, nachdem der Tagesspiegel über die Probleme bei der Aufarbeitung der NS-Geschichte in den Schulen berichtet hatte, so Ursula Koch-Laugwitz von der Ebert-Stiftung.

Unter dem Motto: „Was ich den Juden schon immer mal sagen wollte“, hatten das Bündnis für Demokratie und Gewalt sowie die Aktion „Schule ohne Rassismus“ im vergangenen Jahr Schüler zu einer offenen Diskussionsveranstaltung eingeladen. Was dabei herauskam, erschreckte die Veranstalter. „Die Jugendlichen erzählen beispielsweise, dass Hollywood vollkommen von Juden beherrscht werde“, berichtet Kleff. Zum „Beweis“ erzählten sie, dass sich etliche Juden Künstlernamen zugelegt hätten, um ihre Herkunft zu verschleiern.

Während Kleff noch rätselte, wie die Jugendlichen auf diese Idee gekommen sein könnten, sah sie zufällig auf einem TV-Musikkanal eine Sendung, bei der es um genau dieses Thema ging. „Da wurde über mehrere berühmte jüdische Schauspieler berichtet, die angeblich ein Geheimnis um ihre Herkunft machen wollten“, so Kleff. Die Jugendlichen schlossen daraus, dass „Hollywood im Würgegriff der Juden ist“, zitiert die Pädagogin.

Das Denkmuster ist nicht neu. Wer heute mit älteren Zeitgenossen spricht, die in der Nazi-Zeit groß geworden sind, wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Filmindustrie fest in der Hand „der Juden“ sei. Auch dieser Aspekt der Goebbels-Propaganda wirkt also fort.

Was die Jugendlichen bei den offenen Diskussionen der Aktion „Schule ohne Rassismus“ ebenfalls immer wieder äußerten, waren Überzeugungen wie: „Die Juden nutzen aus, dass sie Opfer waren und verschaffen sich so Vorteile“. Oder: „Sie wollen extra Mitleid erwecken“. Um diesen Vorurteilen noch besser auf die Spur zu kommen, soll es im Herbst eine weitere derartige Veranstaltung geben. Dann ist das Jüdische Museum mit Fachleuten dabei.

Viele Jugendliche haben sich längst daran gewöhnt, dass eine Beschimpfung wie „Du Jude“ zum festen Bestandteil von Schülergespräche geworden ist. Sie werde als Synonym für „Du Opfer“ benutzt und oftmals als nicht besonders „schlimm“ von den Schülern empfunden, berichten Jugendliche aus Neukölln.

Die Pädagogen aber sind hellhörig geworden. Das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU bestätigt, dass sie „häufiger als früher von antisemitischen Äußerungen der Schüler berichten“. Etliche Lehrer haben sich zu den „Standpunktpädagogen gegen Rechtsextremismus“ zusammengeschlossen. Sie waren es auch, die gemeinsam mit dem Landesinstitut für Schule und Medien und mit dem American Jewish Committee das einjährige Fortbildungsprojekt an der Friedrich-Ebert-Stiftung angeschoben haben.

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