Ex-Bürgermeister unter Mordverdacht : Zeugenaufruf aus der U-Haft

Er soll seine Ehefrau ermordet haben und sitzt hinter Gittern. Nun sucht der Ex-Bürgermeister von Ludwigsfelde per Zeitungsanzeige nach Zeugen für sein Alibi. Bislang gibt es nämlich keine.

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LudwigsfeldeLudwigsfelde - So etwas haben die Ermittler noch nicht erlebt: Der wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft sitzende Ex-Bürgermeister von Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) Heinrich Scholl (SPD) sucht jetzt persönlich per Zeitungsanzeigen nach Entlastungszeugen. Seit Ende Januar sitzt der 68-Jährige in Untersuchungshaft, er soll seine ein Jahr jüngere Ehefrau Ende Dezember 2011 heimtückisch getötet haben. In der nun am Wochenende in einem regionalen Wochenblatt veröffentlichten Annonce wendet sich Scholl an die Ludwigsfelder, aber auch an Besucher der örtlichen Therme mit der Bitte um Mithilfe. Ganz konkret fragt Scholl, ob ihn jemand zur Tatzeit in der Therme gesehen hat. Das war am 29. Dezember zwischen 12 und 13.10 Uhr. „Bekleidet war ich mit einer dreiviertellangen dunkelblauen Wetterjacke und einer blauen Jeans“, schreibt Scholl.

Spurensuche. Jeder Winkel des Hauses von Heinrich Scholl in Ludwigsfelde wird von Fahndern durchgekämmt. Foto: dpa
Spurensuche. Jeder Winkel des Hauses von Heinrich Scholl in Ludwigsfelde wird von Fahndern durchgekämmt. Foto: dpaFoto: dpa

Bei der Staatsanwaltschaft Potsdam, die gegen den Ex-Bürgermeister ermittelt, herrschte am Montag Verwunderung. „Mir ist in mehr als 20-jähriger Tätigkeit solch ein Fall nicht untergekommen“, sagte Behördensprecher Ralf Roggenbruck. Zumal bereits „ungewöhnlich viele Hinweise“ eingegangen seien, als sich Polizei und Staatsanwaltschaft kurz nach dem Mord an die Öffentlichkeit gewandt hatten. „Die Ermittlungen dauern an. Es besteht weiter dringender Tatverdacht“, sagte der Sprecher. Scholl sieht das offenbar anders: Schon zu Ostern schickte er seinen Nachbarn Feiertagsgrüße und kündigte an, er werde nächstes Jahr wieder bei ihnen sein.

Ohnehin ist der Fall reichlich bizarr. Scholl hatte zwei Tage vor Silvester seine in der 24000-Einwohner-Stadt wegen ihres sozialen Engagements beliebte Frau vermisst gemeldet. Am 30. Dezember fanden Polizisten ihre mit Gehölz bedeckte, zugerichtete Leiche in einem Waldstück, wo sie regelmäßig spazieren ging. Neben ihr lag ihr ebenfalls getöteter Hund. Scholl selbst legte noch an ihrem Grab einen Kranz nieder. Knapp einen Monat nach der Tat wurde er verhaftet. Auf die Spur kamen die Ermittler Scholl durch die Handydaten. Sein Mobiltelefon wurde zur Tatzeit in der Nähe des Fundortes der Leiche vom Netzbetreiber erfasst. Scholl dagegen sagte aus, zur Tatzeit in der Therme gewesen zu sein – nur kann er das nicht beweisen. Bereits Anfang Februar hatten ihn Zeugen aus der Therme bei einem Haftprüfungstermin nicht entlasten können. Dort war Scholl zwar aufgetaucht, hatte den Badbereich aber nicht betreten, sondern verschwand einfach wieder. Weil Scholl sein Alibi nicht erhärten konnte, zogen seine Anwälte zwei Mal einen Haftprüfungsantrag wieder zurück.

Zusätzlichen Verdacht schöpften die Ermittler aus dem Buch „Wachgeküsst“, das Scholl in hundert Exemplaren im Selbstverlag herausgebracht hat. In der erotischen Erzählung schildert der Protagonist Frust und Lustlosigkeit in der langjährigen Ehe, aber auch sein Verhältnis mit einer Angestellten – wie Scholl es tatsächlich hatte. Auf die Frage, ob er schon an Scheidung gedacht hat, antwortet die Figur: „An Scheidung nicht, an Mord ja.“ Eine Mitarbeiterin des Verlags berichtete gar, Scholl habe erzählt, dass seine Frau ihm alles Mögliche verbiete, ihm sogar vorschreibe, auf welche Toilette er gehen müsse. Scholl war erst kurz vor Weihnachten zu seiner Frau zurückgekehrt, soll zuvor mehrere Monate in Berlin bei einer anderen Frau gelebt haben.

Scholl hatte Ludwigsfelde als Langzeitbürgermeister bis zu seiner Pensionierung 2008 zu einer florienden Stadt gemacht. Namhafte Unternehmen ließen sich nieder, Daimler-Benz produzierte hier, aber auch der Triebwerkshersteller MTU. Die Kristalltherme, ein großes FKK-Bad, das er gegen politischen Widerstand durchsetzte, zieht Tausende Besucher an. Aus dieser Zeit rührt auch ein Ermittlungsverfahren wegen Korruption her, Scholl soll vom örtlichen Baulöwen bestochen worden sein.

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