Berlin : "Ex": Linkes Experiment gescheitert

Katharina Körting

Schluss mit Club-Cola für 2 Mark 50 und mit dem "LesBiSchwulTransSchrägen Tag", Schluss mit Milchkaffees, auf die der Gast mitunter lange warten muss, Schluss mit lauten, lauen Nächten im Biergarten, umrahmt von Plakaten gegen Atomkraft, Nazis und das "Schweinesystem": Das "Ex", die legendäre Kneipe im Mehringhof an der Gneisenaustraße 2 a, macht dicht. Zum 31. Januar 2001 haben die Betreiber den Mietvertrag gekündigt.

Von vornherein war das seit 1980 bestehende Ex ein Experiment. Alle paar Jahre wechselten die "Kneipen-Kollektive". Die letzten drei Jahre organisierte ein besonders waghalsiges Experiment den Betrieb des Szene-Lokals der linken Alternativen: Rund 20 Gruppen mit jeweils etwa zehn Leuten teilten die Tresen-Schichten, das Kochen, den Einkauf, die Toiletten-Säuberung und die Büro-Arbeit untereinander auf. "Jetzt haben sich die Leute aufgeraucht", sagt Lisa von der Hausgruppe Yorckstraße. "In dieser Form ist das Experiment gescheitert." Aber sie will das nicht negativ sehen: Schon, dass sie es drei Jahre mit rund 150 Leuten geschafft hätten, sei ein Erfolg. Doch es habe immer mehr "Probleme mit dem Informationsfluss" gegeben.

Andere klagen über Diebstähle aus der Kasse. Gerüchte, dass die wechselnden Ex-Mitarbeiter zu viel Freibier an ihre jeweiligen Freunde ausgeschenkt hätten, will niemand bestätigen. Am frühen Abend ist das Ex noch leer, manchmal macht es gar nicht mehr auf, oder später als zur offiziellen Uhrzeit um 15 Uhr. Ein einziger Gast sitzt am Tresen, betrunken, eine Frau. Sie grölt und lässt sich von den Bitten des Barkeepers nicht beirren, beschimpft ihn. Sie stört, aber niemand schmeißt sie hinaus.

"Das ist ein öffentlicher Raum hier", erklärt Lisa, "in dem man politisch agieren kann." Sie jongliert mit Begriffen aus der Szene, "der ganze Orga-Kram" sei zu viel geworden, es sei insgesamt schwieriger geworden, freiwillige Arbeiter zu finden. Denn die meisten Ex-Mitarbeiter engagieren sich ohne Bezahlung. Regelmäßige Veranstaltungen von Antifa, Frauen oder Umweltgruppen haben im Ex einen Treffpunkt. "Aber die politische Kultur ist erneuerungsbedürftig", sagt Michael, der hinterm Tresen steht, er spricht laut, um neben der krakeelenden Frau verstanden zu werden. Kreuzberg sei die "Zentrale linker Infrastruktur", aber er wünsche sich einen neuen Laden mit neuen Leuten und neuen Diskussionen: "Bei uns ist Stillstand eingetreten."

"Kneipe im selbstverwalteten Mehringhof sucht neues, gastronomie-erfahrenes Kneipenkollektiv", lautet die Zeitungsanzeige. Die neuen Betreiber dürften nicht hierarchisch organisiert sein "und sich als Teil der linken Infrastruktur begreifen", jedoch auch ein finanziell tragfähiges Konzept vorlegen. "Es ist sehr unklar, wie das weiter gehen soll", sagt David von der Gruppe Öffentlichkeitsarbeit. Es gebe Leute, die "fulltime" weiter machen wollen, ein neues Ex-Kollektiv also, aber sicher sei noch nichts. Fest steht nur: Ein rein-kommerzieller Pächter mit regulären Angestellten kommt dem Mehringhof nicht ins Haus.

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