Ex-Senatsbaudirektor im Interview : „Es geht noch mehr im Westen“

Rund um den Breitscheidplatz lassen sich 50 Jahre Berliner Architekturgeschichte ablesen. Dem früheren Senatsbaudirektor Hans Stimmann gefällt, wie die City West ihr Gesicht erneut verändert. Wären da nicht das Europa-Center und andere Relikte.

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Gleich zwei neue Hochhäuser sollen in Zukunft die Gedächtniskirche überragen.Weitere Bilder anzeigen
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26.06.2012 17:26Gleich zwei neue Hochhäuser sollen in Zukunft die Gedächtniskirche überragen.

Das Hotel Waldorf-Astoria am Breitscheidplatz, Herr Stimmann, ist zu voller, Berlinmaße überragender Höhe emporgewachsen. Was bedeutet dieser neue Akzent in der Weststadt in den Augen des früheren Senatsbaudirektors, der überdies die Entwicklung der Stadt seit Anfang der 70er Jahre als Student der Stadt- und Regionalplanung miterlebt hat?

Das Wichtigste an diesem Bauwerk ist nicht die Höhe, sondern die Tatsache, dass der Breitscheidplatz wieder verbunden wird mit seinem Hinterland. Wir reden ja über einen Teil von Charlottenburg, und wenn man sich einen Stadtplan von Berlin vor 1945 anguckt, dann war der Breitscheidplatz – oder wie er früher hieß: Auguste-Viktoria-Platz – der Verteilerplatz in Richtung Mitte. Durch die West-Berliner Nachkriegsumbauten ist er zu einer Art geschlossenem Platz geworden. Die Entscheidung für den Abriss der Überbauung der Kantstraße für zwei neue Hochhäuser als Eingang zum Breitscheidplatz bedeutet da eine gravierende Revision. Sie ist in ihrer positiven Wirkung auf das Zentrum des Westens gar nicht zu überschätzen.

Und was heißt das für die Position der City West in Berlin? Unlängst ist man auf die Idee gekommen, für das in die Jahre gekommene Europacenter mit dem Slogan zu werben „Mehr Westberlin geht nicht“ und „Unser Palast der Republik“. Spiegelt sich in diesem Werbegag, dass die Weststadt noch immer nach ihrer Rolle im neuen, geeinten Berlin sucht?
Mit dem Fall der Mauer verlor die City West abrupt ihre Sonderstellung als Alternative zur Hauptstadt der DDR, bei uns City Ost genannt. Und mit der Bebauung des Potsdamer Platzes und der Friedrichstraße, mit dem neuen Hauptbahnhof in unmittelbarer Nähe des Parlaments- und Regierungsviertels und schließlich mit der Entscheidung für die Rekonstruktion des Schlosses verschoben sich die Gewichte in Richtung der alten Mitte. Deshalb folgte der großen Freude im Westen über die Wiedervereinigung ziemlich schnell auch eine gewisse Furcht vor einem Bedeutungsverlust.

Inwiefern?
Ich beobachte bis heute, dass viele Leute von der alt-neuen Berliner Mitte noch immer als Ost-Berlin reden. Darin schwingt nicht nur die Erinnerung an die Zeit der Teilung mit, sondern auch die Furcht, von der Entwicklung abgehängt zu werden. So in dem Sinne: Alles geht in den Osten, alle reden über den Potsdamer Platz und über die Museumsinsel und die Friedrichstraße, kurz: West-Berlin hat seine Schuldigkeit als Insel der Freiheit getan und kann abdanken.

Berlin im Blick. Hans Stimmann ist SPD-Mitglied, war von 1991 bis 1996 und von 1999 bis 2006 Senatsbaudirektor sowie von 1996 bis 1999 Staatssekretär für Planung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Zudem hat er das Buch „Berliner Altstadt: Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“ herausgegeben.
Berlin im Blick. Hans Stimmann ist SPD-Mitglied, war von 1991 bis 1996 und von 1999 bis 2006 Senatsbaudirektor sowie von 1996 bis...Foto: picture-alliance/ dpa

Dabei war der Breitscheidplatz und sein Umfeld in den vergangenen 50 Jahren eigentlich der zentrale Platz West-Berlins, eine Art Herz der Stadt, wenn vielleicht auch ein Kunstherz. Wenn ein Merian-Heft über Berlin erschien oder ein Bildband, war garantiert die neu-alte Gedächtniskirche vorn drauf.
Der Breitscheidplatz war der Versuch, West-Berlin ein eigenes Zentrum zu geben. Es war richtig, auf die Teilung der Stadt und das Abgeschnittensein von ihrem alten Zentrum so zu reagieren. Ich hätte das damals wahrscheinlich auch so gemacht. Heute mag man finden, dass das Europacenter nicht viel mehr ist als ein ziemlich mittelmäßiges Shoppingcenter. Aber für mich als jungen Berlintouristen oder später als architekturbeflissenen West-Berliner Studenten war das damals eben mit der Eislaufbahn und dem Kabarett und den Fußgängerbrücken über die Straßen so ein kleines Stück gebautes Amerika. Das entsprach unserem Lebensgefühl. Der Platz und die Gebäude erfüllten in einer politischen Situation, wo sich West-Berlin auch gegenüber dem politischen und architektonischen Anspruch Ost-Berlins behaupten musste, eine wichtige Funktion.

Aber es sieht jetzt ganz schön alt aus. Ein abgelegtes Kapitel Architekturgeschichte.
Abgelegt, nicht aber abgeschlossen, lässt sich am Breitscheidplatz in der Tat die Berliner Architekturgeschichte des vergangenen halben Jahrhunderts studieren, nicht zuletzt die Kurzlebigkeit städtebaulicher Moden und politischer Ansprüche an die Architektur. Als 1948 der Wettbewerb „Rund um den Zoo“ veranstaltet wurde, haben sich die Architekten überboten in dem Ehrgeiz, hier die Stadt neu zu erfinden. Dazu gehörten riesige Verkehrskreisel und beispielsweise auch ein Flughafen für Geschäftsreisende am Bahnhof Zoo. Diese Träume blieben zum Glück auf dem Papier. Seit Mitte der fünfziger Jahre hat der Platz dann mit der Auseinandersetzung um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und der Errichtung des Europacenters das Gesicht West-Berlins entscheidend geprägt. Er stand vor allem in den sechziger Jahren für das „Glitzerding“ Berlin, bestätigte die Lebensfähigkeit der Stadt und strahlte Modernität und Attraktivität in Richtung Osten aus.

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