Ex-Senatsbaudirektor im Interview : „Es geht noch mehr im Westen“

16.07.2012 00:00 Uhr

Rund um den Breitscheidplatz lassen sich 50 Jahre Berliner Architekturgeschichte ablesen. Dem früheren Senatsbaudirektor Hans Stimmann gefällt, wie die City West ihr Gesicht erneut verändert. Wären da nicht das Europa-Center und andere Relikte.

Welche Rolle spielt die City West sozusagen in einer städtebaulichen Gesamtrechnung Berlins?

Welche Rolle spielt die City West sozusagen in einer städtebaulichen Gesamtrechnung Berlins? Falls man eine solche für die geteilte Stadt überhaupt aufmachen kann?
Richtig ist, dass sie ein Ergebnis der Teilung der Stadt war, nicht anders als später die sozialistische Staatsmitte auf dem Boden der Berliner Gründungskerne. So wie diese die historische Stadtstruktur neu zu bestimmen suchte, unternahm das West-Berlin zehn Jahre früher mit seinen Planungen in der Ära des jugendlichen Regierenden Willy Brandt, die im Umbau des Auguste-Viktoria-Platzes zum Mittelpunkt der City West ihren Schlusspunkt fanden. Die City West und die Hauptstadt der DDR waren gebaute Überlebensversuche einer elementar aus dem Gleichgewicht gebrachten Stadt, Zentrum und Gegenzentrum.

Im ehemaligen Ostteil der Stadt hat nach dem Fall der Mauer die allmähliche Wiederherstellung der Mitte diese Struktur aufgehoben. Dagegen ist der Westen an seinem einstigen zentralen Platz sozusagen stehen geblieben, bis auf leichte Korrekturen, etwa durch die Aufgabe des Autotunnels, der den Platz trennte. Wo liegen die Perspektiven der City West?
Mit dem Verlust an Bedeutung als Nachkriegscity verbindet sich die Chance einer Renaissance des bürgerlichen Westens, mit seinen baumbestandenen Straßen und Boulevards und der urbanen Mischung aus Wohnen, kleinteiligem Einzelhandel, Galerien, Dienstleistung, Restaurants und Cafés zu punkten. Wir leben ja in einer Zeit, von der ich denke, dass der gute alte Westen Berlins, die bürgerliche Wohnstadt, eine Art Renaissance erlebt und damit wieder zu sich selbst kommt.

Historische Bilder der "City West"

Führt der Weg der City West also eher zurück zum alten neuen Westen, der ersten Gründerzeit, der Berlin sein Gesicht verdankt? Und was für eine Rolle käme dann dem Breitscheidplatz zu?
Mit dem Zurück bin ich vorsichtig, da bin ich ein gebranntes Kind. Anknüpfen an Geschichte ist nicht zurück. Wir sollten in jedem Fall nicht versuchen, den Platz in eine Konkurrenz zum Alexanderplatz oder zum Potsdamer Platz zu rücken, schon gar nicht zur historischen Mitte. Wir sind hier im bürgerlichen Westen mit seinen unübertroffenen urbanen Qualitäten, mit Häusern und Straßenzügen, die ihre Geschichte Berlins erzählen – die der Gründerjahre, des alten neuen Westens und dann eben auch West-Berlins. Man sollte eher wieder zurückkommen zu dem, was der Platz mal war, er war ja ein bedeutender Platz in der optischen Schnittstelle der Boulevards und Straßen. Damit verbunden ist auch die Besonderheit der Gedächtniskirche, nämlich der Punkt zu sein, auf den die Straßen zuliefen, der Kurfürstendamm, die Kantstraße, die heutige Budapester Straße. Das war nicht der Marktplatz von Berlin, sondern ein Ort mit orientierender Kraft. Man spürt es noch heute: Wenn man vom Westen kommt, dann kommt der Platz, und dann siehst du schon die Gedächtniskirche, und von da aus gehst du dann nach links oder rechts oder wohin auch immer. Auch das Waldorf-Astoria-Hotel orientiert sich ja nicht zum Platz hin, sondern in Richtung Bahnhof Zoo, zur Joachimstaler Straße und zur Kantstraße hin.

Was wäre danach für einen Stadtplaner und Stadtreparateur, der in den letzten Jahren vor allem mit dem Osten und der Mitte der Stadt zu tun gehabt hat, der Ertrag der Veränderung, die sich in der City West anbahnt?
Ich habe vor allem das Gefühl, dass die Kantstraße enorm aufgewertet worden ist. Sie ist buchstäblich aus ihrem Schattendasein befreit. Trotz Metropol, Paris-Bar und Savignyplatz, trotz ihrer Geschäfte hatte sie in den letzten Jahrzehnten nie eine wirklich bedeutende Funktion. Die Öffnung des Platzes zur Kantstraße schafft nun ein ganz neues Raumerlebnis im Westteil. Und das neue Hotel setzt architektonisch und städtebaulich Maßstäbe. Mit ihm verbindet sich der Anspruch, ohne Nostalgie an die Qualität der Vorkriegsbebauung des Westens anzuknüpfen. Dabei verstehen sich beide Hochhäuser nicht als freigestellte Solitäre, sondern sie stehen in der jungen Tradition des Nachwende-Berlins – sind Teil eines straßenbegleitenden Blockrandes, so wie es zuerst am Potsdamer Platz ausprobiert wurde. Mit diesem Bau wird ohne falschen Cityehrgeiz an die architektonischen und urbanen Qualitäten des Berliner Westens angeknüpft. Ein Blick auf das Aschinger-Haus oder ein Besuch des Europacenters mit dem biederen Wasserklops zeigen, dass dieses Niveau noch nicht überall erreicht wurde. Anders als die Werbung behauptet, geht doch noch mehr Westen.

Das Gespräch führte Hermann Rudolph

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