Ex-Senatsbaudirektor : Stimmann will wieder mitreden

Hans Stimmann, ehemaliger Senatsbaudirektor, stellte sein Buch „Berliner Altstadt: Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“ vor.

Udo Badelt

Seit Wochen wird über die künftige Gestaltung der historischen Mitte Berlins diskutiert. Hinter der Fassadenattrappe der Schinkelschen Bauakademie am Werderschen Markt hat sich nun am Montag der profilierteste Befürworter einer traditionellen Bebauung zur Wort gemeldet. Hans Stimmann, ehemaliger Senatsbaudirektor, stellte sein Buch „Berliner Altstadt: Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“ vor. Anlass war der zehnte Jahrestag des Senatsbeschlusses zum Planwerk Innenstadt vom 18. Mai 1999. Seine zentrale These ist, dass die DDR die bürgerliche Stadtmitte quasi verstaatlicht hat. Dies könne jetzt wieder rückgängig gemacht werden. Stimmann sowie eine Reihe weiterer Stadtplaner entwickeln Vorschläge, wie eine Rückkehr zur traditionellen Stadt auf Grundlage der historischen Parzellen aussehen könnte. Besonders widmen sie sich den Plätzen, die das Planwerk Innenstadt damals ausgeklammert hat: Dem Molkenmarkt und den Neuen Markt an der Marienkirche.

„Man redet an der Bevölkerung vorbei, solange es keine Bilder gibt, solange nicht mehr präsent ist, wie die Berliner Altstadt einmal ausgesehen hat und wie sie wieder aussehen könnte“, sagte Stimmann. Mit seinem Buch will er sich in der öffentlichen Debatte zurückmelden, die sich jetzt, nachdem der Wettbewerb zum Bau des Humboldt-Forums entschieden ist, der anderen Spreeseite zuwendet. Hier lag jahrhundertelang der mittelalterliche Kern Berlins, der im Krieg beschädigt, aber erst durch DDR-Planungen vollständig beseitigt wurde. Erst vor kurzem hat Kulturstaatssekretär André Schmitz mit Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters dazu aufgerufen, diesen Bereich wieder zu bebauen. Stimmans Amtsnachfolgerin, Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, lehnt wiederum eine historische Rekonstruktion ab mit dem Hinweis, barocke Stadtstrukturen würden an dieser Stelle nicht passen und die Freiflächen würden für den Bau der U-Bahnlinie 5 gebraucht.

„Der Senat kann kein Strohfeuer in Tempelhof entfachen und gleichzeitig die Entwicklung dieses für das Berliner Selbstverständnis zentralen Bereichs vernachlässigen“, sagte der ebenfalls auf der Buchpräsentation anwesende Architekt Hans Kollhoff als Präsident des Vereins „Internationale Bauakademie Berlin“. Und die Hannoveraner Städteplanerin Ulla Luther, die das Kapitel über den Molkenmarkt geschrieben hat, plädierte dafür, „nicht dauernd Grünflächen zu bauen, weil uns nichts Besseres einfällt“. Wer mit dem Flugzeug nach Berlin komme, habe sowieso schon das Gefühl, er lande in einem Wald.

Mit dem Buch soll die Diskussion um die Berliner Altstadt weiter befeuert werden. Ein von Bernd Albers entworfener Plan zeigt detailliert, wie das Gebiet zwischen Spree und Fernsehturm in Orientierung an den alten Grundstücksgrenzen kleinteilig neu bebaut werden könnte. Das Marx-Engels-Denkmal würde auf einem eigenen, schmaleren Platz stehen bleiben, ein neuer, nach der frühromantischen Autorin Henriette Herz benannter Platz vor dem Roten Rathaus entstehen. Die Autoren plädieren auch dafür, Restitutionsansprüche nicht nur als Problem zu betrachten: Es wäre der größte Glücksfall, wenn Alteigentümer oder die Erben wieder bauen würden. Auch wenn das, so Stimmann, natürlich „vollkommen fiktiv und utopisch ist“.Udo Badelt

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