Berlin : Ex-SS-Mann im Visier

Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt gegen einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher.

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Cottbus/Ludwigsburg - Die Erinnerung an das Grauen ist geblieben: 360 Juden aus dem Ghetto der ukrainischen Stadt Shitomir sollen im Spätherbst 1942 von SS-Schergen auf einer Waldlichtung nahe der Stadt hingerichtet worden sein. 70 Jahre später ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den 91-jährigen Herbert N. aus Cottbus. Unterlagen zufolge soll er als SS-Sturmmann im Kommandostab Reichsführer-SS gedient haben – in jener Einheit also, die im Oktober und November 1942 wenigstens zwei Mal Juden aus dem Shitomirer Ghetto auf die Waldlichtung gebracht und erschossen hatte.

Medienberichten zufolge wurde dem Cottbuser zudem im Dezember 1942 das Kriegsverdienstkreuz verliehen, was häufig nach einer Teilnahme an einer Exekution geschah. was oft nach einer Teilnahme an einer Exekution geschah. „Wir ermitteln wegen des Verdachts der zweifachen Beihilfe zum Mord“, bestätigte am Montag die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Cottbus, Petra Hertwig.

Den Tipp bekamen die Lausitzer von der Zentralstelle der Landesjustizverwaltung zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg (Baden-Württemberg). „Wir sind auf den Namen von Herbert N. im Ermittlungszusammenhang mit einer anderen Person gekommen“, bestätigte gestern Thomas Will, stellvertretender Leiter der Zentralstelle. „Im Frühjahr haben wir das Verfahren an Cottbus abgegeben.“

Angaben der dortigen Staatsanwaltschaft zufolge wurde N. bereits von einem Polizeibeamten und einem Oberstaatsanwalt vernommen. Dabei habe er auch eine Aussage gemacht, sagte Sprecherin Hertwig am Montag. Zu Details wolle man sich vorerst nicht äußern. Geprüft werde, ob sich aus den Aussagen möglicherweise weitere Ansätze für Ermittlungen ergeben. Thomas Will von der Zentralstelle warnt vor Vorverurteilung. „Zunächst einmal gilt die Unschuldvermutung. Zudem lässt der Umstand, dass jemand zu einer bestimmten Einheit gehörte, nicht den Schluss zu, dass er auch an der Exekution beteiligt war. Er könnte ja auch im Urlaub gewesen sein.“

Die Quellen rund um die beiden Exekutionen sind äußerst dünn, belegt nur durch die Aussage eines 1971 verstorbenen Zeugen, der davon während seiner russischen Kriegsgefangenschaft berichtete. Ein Verfahren gegen den mutmaßlichen Anführer des Exekutionskommandos stellte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden 1958 wegen Zweifel an der Richtigkeit der Zeugenaussage ein.

Erst vor gut einem halben Jahr hatten Ermittler aus Dortmund einen vermeintlichen SS-Kriegsverbrecher im Landkreis Märkisch-Oderland ausfindig gemacht. Dem 86-Jährigen und mittlerweile sechs weiteren Verdächtigen wird vorgeworfen, an der Ermordung von insgesamt 642 Menschen im französischen Oradour-sur-Glane im Juni 1944 beteiligt gewesen zu sein. Noch immer ist unklar, ob der 86-Jährige überhaupt vernehmungsfähig ist – über das Ergebnis einer entsprechenden Untersuchung wollte sich die Dortmunder Staatsanwaltschaft jedenfalls nicht äußern. Sprecher Andreas Brendel sagte allerdings, dass derzeit ein Rechtshilfegesuch an Frankreich in Vorbereitung sei: „Bei den Ermittlungen hat sich gezeigt, dass noch Zeitzeugen und Angehörige leben, die nun vernommen werden sollen.“ Matthias Matern

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