Ex-Treberhilfe-Chef Ehlert : "Es ist ein Zerrbild entstanden"

Harald Ehlert, der ehemalige Chef der Treberhilfe, verteidigt seine hohen Bezüge und distanziert sich vom Maserati – an Rückzug denkt er nicht.

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Harald Ehlert gehören 50 Prozent der Treberhilfe-Anteile. Foto: dpa/pa
Harald Ehlert gehören 50 Prozent der Treberhilfe-Anteile. Foto: dpa/paFoto: picture alliance / dpa

Herr Ehlert, es heißt, Sie könnten nicht von der Treberhilfe lassen. Wäre es nicht vernünftig, Sie zögen sich zurück?

Ich habe meine Stimmrechte an den Treuhänder abgegeben für die Dauer der laufenden Verfahren. Es gibt einen neuen Geschäftsführer und einen Aufsichtsrat, der eine Überwachungsfunktion innehat. Ich bin noch Gesellschafter, das Stimmrecht ist beim Treuhänder. Wenn die Anwürfe unzutreffend sind, dann wäre ein weiterer Rückzug nicht vertretbar. Es geht hier nicht um das gefühlte, sondern um das echte Recht.

Die öffentliche Erregung können Sie nicht nachvollziehen?

Nachvollziehen nicht, aber ich kann sie mir erklären. Die veränderten Strukturen der sozialstaatlichen Leistungserbringung wurden an der Bevölkerung vorbei eingeführt. Wir gehören zu den Ersten, die das Thema der Arbeitsergebnisse in absoluten Fallzahlungen und Erfolgszahlen wirtschaftsprüfergeprüft veröffentlichen. Das halte ich für das Gebot der Stunde. Wir haben das Modell des Gemeingewinns vorgeschlagen.

Und die Gewinne erwirtschaften schlecht bezahlte Mitarbeiter?

Wir zahlen auf Basis einer Betriebsvereinbarung aus dem Jahr 2002, die unter Leitung eines Arbeitsrichters und unter Beteiligung einer Gewerkschaftsvertreterin für die Treberhilfe geschlossen wurde. Diese Betriebsvereinbarung wenden wir bis heute an. Das hätte den Gewerkschaftsvertretern bei ihren öffentlichen Äußerungen bekannt sein müssen. Über dieses Grundgehalt hinaus zahlen wir Entgelte, wenn Mitarbeiter besondere Qualifikationen haben oder sie diese erwerben. Wir zahlen also mindestens so gut wie der Durchschnitt der Branche. Die unwahre Tatsachenbehauptung der schlechten Bezahlung der Mitarbeiter zeigt, dass es in der Diskussion der letzten Wochen zu keinem Zeitpunkt um tatsächliche Aufklärung ging.

Ihre Bezüge gelten als unangemessen.

Andere im Sozialbereich teilen ihr Unternehmen in drei Betriebe auf und beziehen dann drei Gehälter. Wir haben mein Gehalt begutachten lassen. Das wird vom Land Berlin nach meiner Kenntnis auch für die eigenen Gesellschaften so gemacht. Wohlfahrtsbetriebe muss man heute mit normalen Gesellschaften vergleichen, denn seit Einführung der Leistungsentgelte vor über fünfzehn Jahren sind wir immer mehr zu Unternehmen geworden. Davor war es völlig richtig, die Treberhilfe mit dem öffentlichen Dienst zu vergleichen. Heute ist das anders. Meine Bezüge lagen bei 75 Prozent der Vergütung von Geschäftsführern in ihrer Größe und ihrer Leistung vergleichbarer nicht gemeinnütziger Gesellschaften. Im Unterschied zu Eigentümern nichtgemeinnütziger Gesellschaften kann ich keine Erträge aus der Treberhilfe entnehmen, sondern muss und will sie wieder in den Betrieb reinvestieren.

Sind zwei Dienstwagen, Bedienstete und hohe Gehälter mit der „Selbstlosigkeit“ vereinbar, die die Treberhilfe-Satzung fordert?

Dazu haben wir Gutachten, die besagen: Was Ehlert bekommen hat, hat er verdient oder selbst bezahlt. Ich hafte nicht nur für das Gesellschaftskapital, sondern auch in Höhe von zehn Jahresgehältern für die Treberhilfe. Ich finde, das ist für die Frage der Selbstlosigkeit eine gute Aussage. Denn nicht das moralische Postulat steht im Vordergrund, sondern die bürgerliche Verantwortung, und die hat bei mir immer mit Haftung zu tun. Außerdem habe ich vieles, was ich angeblich gekriegt haben soll, niemals bekommen. Es ist ein Zerrbild entstanden, das mit der Realität nichts zu tun hat.

Beim Senat und den Dachverbänden sieht man das anders.

Sozialsenatorin Bluhm und Diakoniechef Dane haben Anzeige wegen Untreue und Steuerhinterziehung gegen mich erstattet. Es ist das gute Recht und die Verpflichtung der Senatorin, wenn Mängel vorzuliegen scheinen, dies kontrollieren zu lassen. Den Tatvorwürfen wird nachgegangen. Ich stelle mich den Verfahren. Ich stehe in der Verantwortung. Das gehört zur Realität des Rechtsstaates, zu der aber genauso die Unschuldsvermutung gegenüber Harald Ehlert zählen sollte. Wieso diese Verfahren nicht abgewartet werden, bevor zum Beispiel die Diakonie ihre Schlüsse zieht, müssen die Betreffenden selbst erklären.

Dann wurde Ihr Maserati geblitzt und Sie haben das Führen eines Fahrtenbuchs abgelehnt. Passt das zu der eingeforderten Rechtsstaatlichkeit?

Für das Problemauto trage ich die Verantwortung. Der Wagen kam weg. Aber ich saß nicht im Auto, als es geblitzt wurde. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil das Teil der gegen mich laufenden Verfahren ist. Was aber nach dem Problemauto kam, hat mit mir wenig zu tun. Das waren Aussagen von Dritten. Bis hin zu reinen Erfindungen. Zum Beispiel die neu gegründete Gesellschaft Hiawatha. Die hat allein die Aufgabe, treuhänderisch die Geschäftsanteile zu halten. Mehr nicht.

Wäre es nicht das Beste für die Treberhilfe, wenn Sie Ihre Anteile zurückgäben?

Ich verstehe dieses Filibustern nicht. Ich habe das Unternehmen in 21 Jahren aufgebaut. Als ich im Jahr 1990 als Geschäftsführer bei einem Gehalt von 500 Mark monatlich mit 20 000 Mark Haftung Gewerbeflächen für unsere Arbeit gemietet habe, kam auch keiner auf die Idee, mein Gehalt sei zu niedrig. Warum wird die Entwicklung eines Sozialunternehmens nicht positiv wahrgenommen? Ich kann nicht nachvollziehen, warum der Wohlstand, den das Unternehmen, aber auch der Unternehmer erreicht hat, Anlass zur Kritik ist. Wenn ein Zahnarzt gutes Geld verdient, ist es in Ordnung. Dabei kommt der größte Teil dieser Gelder von den Krankenkassen und sind öffentliche Mittel. Ich frage Sie: Was bedeutet es für Sozialarbeiter, wenn jemand wie ich, der 20 Jahre ein Unternehmen aufbaut, nicht zu Wohlstand kommen darf? Wer einen starken Sozialstaat haben will, braucht starke Sozialunternehmen.

Die Affäre gefährdet die Gemeinnützigkeit der Treberhilfe. Wie verhalten Sie sich?

Wir halten es hier so wie bisher, wir unterstützen die Prüfungen des Finanzamtes. Ich sehe kein Anzeichen von Unseriosität. Die Treberhilfe hat seit 1991 alle Abschlüsse prüfen lassen. Dabei waren wir bis zum Jahr 2000 nicht einmal dazu verpflichtet. Es gibt von all diesen Jahren Testate von Wirtschaftsprüfern. Seitdem wir Zuwendungen bekommen, sind alle ordnungsgemäß abgerechnet worden. Seit die gemeinnützige Gesellschaft Treberhilfe gegründet wurde, wird jedes Jahr der geprüfte Abschluss im Bundesanzeiger veröffentlicht. Und seit dem Jahr 2008 veröffentlichen wir jährlich die Daten der abgeschlossenen Hilfsfälle. Mir ist kein Sozialunternehmen bekannt, das mehr als diese Seriositätsausweise bieten kann.

Die Fragen stellte Ralf Schönball.

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DIE TREBERHILFE
Harald Ehlert, 48 Jahre, gründet im Jahr 1990 die Treberhilfe im Ortsteil Schöneberg. Der Verein und später die gemeinnützige Gesellschaft unterstützen Wohnungslose, Jugendliche und Frauen in Berlin.

DER UMSATZ
Ehlert zufolge hat die Treberhilfe im vergangenen Jahr etwa 4000 Menschen unterstützt und dabei einen Umsatz von rund 15 Millionen Euro erwirtschaftet. Der größte Teil davon sind „Entgelte“ für Leistungen, sie werden von den Bezirken bezahlt.


DIE AFFÄRE
Zweifel an Ehlerts Geschäftsgebaren kamen auf, als sein Dienstwagen, ein Maserati, mit überhöhter Geschwindigkeit geblitzt wurde.

Später wurden Details über Ehlerts Bezüge bekannt: Gehalt und Tantiemen, billige Wohnung in einer Treberhilfe-eigenen Villa, Chauffeur und Personal. Es folgten zwei Strafanzeigen wegen des Verdachts der Untreue, Durchsuchungen und Prüfungen des Finanzamtes. ball

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