Berlin : Exil-Afghanen: Hoffen auf Befreiung und Angst vor dem Krieg

Amory Burchard

Die Frau steht weinend neben dem Transparent. Sie ist Mitte 40 und trägt ein pfirsichfarbenes Kopftuch. Neben ihr ein Teenie in Jeansjacke, das dunkle Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Mutter und Tochter, zwei Generationen von Exil-Afghaninnen in Berlin. "Sie weint um ihren Vater in Kabul, um ihre Schwestern, um die Brüder meines Vaters, der von den Taliban ermordet wurde" übersetzt die 13-jährige Freschta Aman die Worte ihrer Mutter Rahima. Auf den Transparenten, die eine Gruppe von Afghanen gestern vor der Gedächtniskirche aufgestellt hatte, steht: "Wir verurteilen jede Art von Terror und den Anschlag in USA" und "Vergeltungsschlag gegen Afghanistan ist keine Lösung".

Rahima Aman hofft, "dass die Amerikaner kommen und bin Laden mitnehmen". Sie betet für das Ende des Terrorregimes der Taliban. Aber sie will nicht, dass unschuldige Menschen leiden müssen unter einem neuen Krieg. "Sie brauchen nur noch Hilfe, sie können nicht mehr kämpfen." In diesem Dilemma stecken die etwa 50 in Berlin lebenden Afghanen, die gestern dem Aufruf ihres Kommunikations- und Kulturzentrums zu einer Mahnwache gefolgt waren: Die Hoffnung, ihre Heimat könnte nach 22 Jahren Krieg und Bürgerkrieg befreit werden. Die Angst, ein militärisches Eingreifen würde nur neues Leid über ihre dort zurückgebliebenen Verwandten und Freunde bringen.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Immer wieder ist von der UNO die Rede. Friedenstruppen sollten ins Land kommen, und die Taliban und die Oppositionstruppen von der Nordallianz entwaffnen. Aber wer soll das Feld für die Friedenstruppen bereiten? Vielleicht doch die Amerikaner? "Die haben doch jahrelang nichts für Afghanistan getan", sagt Kanishka Wiar, ein 18-jähriger Schüler. "Ich glaube nicht, dass sie jetzt so edelmütig sein werden, das Land zu befreien." Aber Kanishka und auch Männer wie der Fensterputzer Gul Arian oder Zadour Zamani, Sozialpädagoge und Leiter des Afghanischen Zentrums, sehen eine Perspektive für ein befreites Afghanistan. "Der Einzige, der helfen könnte, ist unser König Mohamad Zahir", sagt Arian. König Zahir ging 1973 ins Exil nach Italien und ist 87 Jahre alt. "Aber er hätte große Sympathien, wenn er jetzt ins Land käme", glaubt Zamani. Wie er dorthin kommen soll - das weiß keiner der Männer zu sagen.

Die Botschaft des Islamischen Staates Afghanistan, die die gegen die Taliban kämpfende Nordallianz vertritt, hatte am Freitagnachmittag zu einer Trauerfeier aufgerufen. Alle Afghanen waren eingeladen, "dem Mitgefühl gegenüber dem amerikanischen Volk und dem Protest gegen die Ermordung Ahmed Schah Massuds" Ausdruck zu verleihen, so ein Botschaftssprecher. Von den Menschen vor der Gedächtniskirche ist niemand in Pankow gewesen. Massud war der militärische Führer der Nordallianz. Irgendwann einmal sei Massud eine Hoffnung auf Befreiung gewesen, sagte gestern einer der Männer. "Aber er hat so lange gekämpft und doch keinen Frieden gebracht."

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