Berlin : Exil-Afghanen: "Keine Bomben auf Afghanistan"

Amory Burchard

In Berlin lebende Exil-Afghanen haben sich gestern mit Friedensappellen an die Öffentlichkeit gewandt. "Nehmen Sie den Tod deutscher Soldaten und afghanischer Zivilisten nicht in Kauf. Terrorismus kann man nicht mit Kampfjets und Bomben bekämpfen", sagte Mariam Notten, Dozentin an der Fachhochschule für Sozialpädagogik, bei einer Pressekonferenz im Abgeordnetenhaus. Rund 1200 Afghanen leben in Berlin. Viele von ihnen sind im Afghanischen Kommunikations- und Kulturzentrum organisiert. Die überwiegende Mehrheit der Afghanen, so der Leiter des Zentrums, Sadour Zamani, rechne sich politisch der national-demokratischen Opposition zu und hege für das Taliban-Regime keinerlei Sympathien.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Als die sowjetische Armee 1979 in Afghanistan einmarschierte, gab es in Berlin nicht mehr als 100 afghanische Studenten. Zu der kleinen Gemeinde der frühen Jahre gehörte auch Mariam Notten, die 1968 zum Studium nach Deutschland geschickt wurde. Zamani kam 1978 nach Berlin, um zu studieren. Durch Krieg und Bürgerkrieg wuchs die afghanische Kolonie in Berlin. Brischna Wiar, eine 22-jährige Studentin der Betriebswirtschaft an der Freien Universität, floh 1991 mit ihrer Familie aus der Heimat und lebt seitdem in Hennigsdorf. Ihr Vater, einst Minister in der letzten prosowjetischen Regierung, wurde von der islamistischen Nordallianz verfolgt. Erst vor drei Monaten wurde dies als Asylgrund anerkannt.

Auch Sadour Zamani warnte vor einer militärischen Intervention. "Wenn das Bombardement beginnt, werden Hundertausende auf der Flucht sein, die in Afghanistan keinen Schutz finden und die geschlossenen Grenzen nicht überwinden können." Wer gegen den Terrorismus kämpfen wolle, "soll die Opfer in Afghanistan unterstützten". Als eine Oppositionsgruppe nannte Zamani die national-demokratische "Nationale Befreiungsorganisation für das Afghanische Volk". Deren Mitglieder seien allerdings gößtenteils im Ausland oder in den Untergrund gegangen. Die Nordallianz, die die Taliban seit 1996 in einem Bürgerkrieg bekämpft, sei keine Alternative zum herrschenden Regime. "Auch sie haben Frauen gesteinigt und Schulen geschlossen", sagt Zamani.

Am Sonnabend um 11 Uhr halten Exil-Afghanen vor der Gedächtniskirche eine Mahnwache ab. Kontakt zum Kommunikationszentrum unter 624 2121. Dort ist auch die Broschüre "Afghanen in Berlin" erhältlich.

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